Kurz eingeschoben: TatortWatch-Quatsch
Bis zur Bundestagswahl sind es zwar noch ein paar Monate, doch die Gewinnerin steht längst schon fest und eine wirkliche Alternative ist nicht in Sicht, auch wenn ein paar verwirrte Professoren und Nationalchauvinisten anderes behaupten (mal ganz abgesehen davon, dass es für die Wiederbelebung der Demokratie mehr bräuchte als eine neue Partei). Trotzdem: the show must go on, auch Octavian konnte nur zum Augustus werden, indem er den Schein der Republik wahrte.
Also schmeissen die Parteien ihre Wahlkampfmaschinen an: Die SPD stellt ein Kompetenzteam auf, das in etwa so erfolgversprechend ist wie der Kanzlerkandidat, und erdreistet sich gerade, ihr 150jähriges Bestehen zu feiern – dabei weiss jeder, dass SPD und Sozialdemokratie weniger gemein haben als H-Milch mit dem, was aus dem Kuheuter kommt. Die CDU macht gar nichts, was ihr ja schon seit Jahren Erfolg bringt, und schickt stattdessen die Kanzlerin vor die Kameras und Mikrofone, damit sie Belanglosigkeiten aus der eigenen Küche erzählt und so den Leuten menschelnde Normalität vorgaukelt. Die FDP dagegen verfrachtet den Parteivorsitzenden, den sie eigentlich schon längst absägen wollte, zum Bild-Chef nach Kalifornien auf die Nachsitzbank und hängt ansonsten ihr Fähnchen in jeden Windhauch, der ihr den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde ermöglichen könnte. Über die Linke wird wie immer so gut wie gar nichts berichtet, da kann sie sich wahrscheinlich anstrengen wie sie will, aber keine Sorge, die Zeit der Stasi-Vorwürfe gegen Gysi & Co. wird schon noch kommen.
Einzig die Grünen, die wissen wie Wahlkampf im 21. Jahrhundert geht: Die wichtigsten Faktoren sind hierbei „die Basis ernstnehmen“ und Kompetenz in Sachen Neue Medien. Schon bei der Wahl der Spitzenkandidaten bewiesen sie ihr Gespür für die Bedürfnisse der einfachen Parteimitglieder, die durften nicht nur abstimmen, sondern sich sogar selbst zur Wahl stellen! Und dass sie sich beim Digitalen Wahlkampf wie ein Fisch im Wasser bewegen können, haben sie ja bereits im Berliner Abgeordnetenhauswahlkampf bewiesen, oder war die „Da müssen wir ran“-Kampagne etwa kein Riesenerfolg, über den noch heute gern geredet wird?
Man mag es kaum glauben, aber eine Basisinitiative von „Grünen Rechts- und InnenpolitikerInnen“ könnte diesen Erfolg jetzt noch toppen: Unter @TatortWatch werden „aus Liebe zum #Tatort und #BürgerInnenrechten […] BürgerInnenrechtsverletzungen live“ dokumentiert. Fehlende Rechtsbelehrungen, Grenz- und Gesetzesüberschreitungen werden hier seit letzter Woche mit Recht angeprangert – oder nicht?
Mal im Ernst: TatortWatch wurde viel diskutiert, von Carta über taz bis zur Süddeutschen und SpiegelOnline, vom politischen Gegner potentiellen zukünftigen Koalitionspartner mit Häme überschüttet und schreit eigentlich nach einem der typischen Grünen-Bashing-Artikel aus der Feder des Herrn Laurin.
Oft wurde darauf hingewiesen, dass der Tatort Fiktion sei, man deshalb also beim Zuschauen mal ein Auge zudrücken bzw. alle Fünfe grade sein lassen sollte. Und nähmen die Verdächtigen im Tatort die Empfehlungen Udo Vetters jedes vernünftigen Anwalts bzw. der Roten Hilfe (Anna und Artur halten’s Maul) ernst, dann wäre der Tatort genauso lang wie das Sandmännchen – schliesslich muss und sollte man den Polizisten ausser Angaben zur Person gar nichts erzählen.
Der Tatort ist keine Dokumentation, sondern das Sonntagabendlagerfeuer, da werden Geschichten erzählt, die auf vielfache Weise schaurig sind, unter anderem eben auch in Bezug auf die Polizisten-Darstellung. Dass es den TatortWatch-Machern wohl nicht um die Sache, sondern lediglich um Aufmerksamkeit in Wahlkampfzeiten geht, lässt sich nicht nur an der für eine inhaltliche Auseinandersetzung denkbar ungeeigneten Twitterei festmachen: Eine fundierte Argumentation bzw. Dokumentation braucht mehr als ein paar 140-Zeichen-Tweets. So scheint auch die Wahl des Tatorts als Objekt der Kritik der grünen Rechts- und Innenexperten nichts als Kalkül zu sein: Schliesslich ist er das letzte TV-Format, auf das sich große Teile der Zuschauer einigen können, da ist Resonanz garantiert, wie das Medienecho ja auch zeigt.
Dabei gäbe es genügend Gelegenheiten, die mediale Darstellung der Polizeiarbeit kritisch zu hinterfragen. Das TV-Programm ist nämlich übersät mit (Pseudo)Dokumentationen, in denen angebliche und reale Polizisten bei ihrer Arbeit begleitet werden, sowohl im Privat- als auch im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen. Im Gegensatz zum Tatort werden diese Sendungen von vielen für bare Münze genommen. Was dabei für haarsträubende Einstellungen und Handlungsweisen gezeigt werden, wäre mal eine wirkliche Untersuchung wert, samt Dienstaufsichtsbeschwerden und Nachfragen an die Dienstellenleiter. Aber das kostet halt mehr als ein paar halbironische Tweets am Sonntagabend. Ganz zu schweigen von den düsteren Geschichten, die man dauernd von Rosenheim bis Frankfurt etc. so hört.
edit: Glättung&Typos
Abschliessende Worte III – Alle Links, zweiter Teil
Machen wir doch gleich ohne lange Umschweife da weiter, wo wir letztens aufgehört haben, beim Tatort:
- Markenpflege – Die quotenkommunistische Insel: Die Tatort-Besprechungen des Herrn Dell beim Freitag sind, trotz seiner Anglizismen-Vernarrtheit, oft das Beste, was zu den Tatorten zu sagen ist. Und manchmal, in letzter Zeit leider viel zu oft, auch besser als die Tatorte selbst:
Unabhängig davon, warum das öffentlich-rechtliche Fernsehen überhaupt glaubt, seine Erfolge in Quoten ausweisen zu müssen, einer zumal am werbefreien Sonntagabend überflüssigen Währung: Der Tatort ist in gewisser Weise eine quotenkommunistische Insel im Meer des aufmerksamkeitskapitalistischen Wettbewerbs – die Leute schauen sowieso. (Auch schön: Dells Besprechung von Nina Grosses “Das Wochenende”, dem neuen deutschen RAF-starbesetzten Kinofilm:
Diskursiv kommt der Film über die ewiggrobe Gegenüberstellung von Idealist und Bourgeois nicht hinaus, was den Figuren schon so vertraut ist, dass sie, wie Morettis Unternehmer, sich selbst als „dekadent“ bezeichnen, wenn sie Wörter wie „Périgord-Trüffel“ und „Valrhona-Schokolade“ gesagt haben. In solchen Szenen hat Das Wochenende vermutlich insgeheim sein Zentrum: Kochs RAF-Mann ist nur dazu da, rauchend und vor sich hinstierend rumzusitzen als schlechtes Gewissen eines deutschen Wohlstands, der sich vor allem über Ernährungsfragen definiert.
und:
Immerhin kann man daran sehen, in welchem Fantasialand von politischer Wirklichkeit Das Wochenende lebt. Gregor gibt sich anfangs als der Revolutionär aus, der Kessler für eine „Grußbotschaft“ (sic) gewinnen will – bei einer Demonstration gegen Gentrifizierung, zu der 100.000 Leute erwartet würden. Wenn sich der Film für Politik interessieren würde, sollten die Prämissen schon stimmen: 100.000 Leute kommen heutzutage beim Public Viewing auf der sogenannten Fanmeile zusammen, nicht bei Protesten gegen Gentrifizierung. - Aber zurück zur Hochkultur: Die Rede von F.C. Delius zur Verleihung des Büchnerpreises 2012 greift nicht nur die aktuellen politischen Gegebenheiten auf & an, sondern thematisiert auch grundsätzliche Überlegungen zum Schriftstellersein an und für sich:
Als ich, der vorher mitdemonstriert hatte und nun vor weiteren Schritten zurückschreckte, stehenblieb und durch Aktionismus alles verraten sah und mich dabei ertappte, ein Zuschauer, nur ein Zuschauer zu sein, da kam mir, noch ehe schlechtes Gewissen sich breitmachen konnte, der befreiende Gedanke: Hier stehst du richtig, einer muss das beobachten, einer muss das vielleicht sogar aufschreiben irgendwann, und wer, wenn nicht du, der Prügeleien meidet, Gefahren ausweicht, kein Blut sehen kann. Der keine schnelle Antwort parat hat, ob diese Aktionen nun richtig sind oder nicht, der nur spürt, wie das, was da vor den eigenen Augen geschieht, schon bald zu Meinungsgefechten und Rechthaberei führen wird. So begann ich zu meiner vertrauten Rolle als Schweiger auch die neue Rolle als Zuschauer zu akzeptieren und mit immer mehr Eigensinn aufzuladen und gegen den bissigen Vorwurf: Du hältst dich raus, du tust nichts! die leise Antwort zu finden: Doch, ich tue was, ich schaue zu, ich schaue nicht weg, ich merke mir das, ich hebe das auf. - Weiter geht es mit Geschichten von früher – bei dieser war ich sogar zugegen. Es kommt einem so weit weg vor, und ist trotzdem auf vielfältige Weise viel näher an uns dran, als wir wissen. Die Ereignisse Mitte, Ende der 90er Jahre in Berlin, das was inzwischen in so vielen Filmen und Songtexten beschworen und verklärt wird – inwieweit uns das prägte, zu besseren oder schlechteren (besser oder schlechter angepassten, eingepassten, eingereihten….) Menschen machte, wird sich erst in der Rückschau erkennen lassen. Doch als ich vor knapp zwei Wochen von Berlin zurück an den Rhein fuhr und mit einer relativ unpassenden Anmoderation für einen Song von Bosse im Autoradio darauf aufmerksam gemacht wurde, dass es nunmehr 19 Jahre her ist, seit sich Kurt die Schrotflinte in den Mund steckte, dachte ich: Ok, Herr Bosse, ich verstehe deine Motivation, ich kenne das Gefühl, und ja, teilweise hast du recht, es war eine schöne Zeit, es begann Alles, und das Video trifft – gerade wenn man jetzt nicht mehr wirklich in Berlin wohnt, nach gut 15 Jahren – einen Nerv: Schöne Menschen, schöne Bilder, schöne Atmosphäre und die Musik ist auch nicht übel. Aber es heisst eben auch, dass die schönste Zeit mit einer sehr traurigen Geschichte zusammenhängt. Wir lagen uns entsetzt in den Armen, und wir wären nicht auf die Idee gekommen, damals, das als die schönste Zeit zu bezeichnen. Doch ich schweife schon wieder ab:
Konrad Endler – Der Punkt ist No.1: Der Punkt ist, am liebsten würde ich die Scheiben einschmeißen von dem Maklerbüro auf der anderen Straßenseite, und das, obwohl die Blätter der Kastanien rot und gelb sind am Kollwitzplatz und mich bisher abgelenkt haben von den schicken Modegeschäften und den anderen Geldverbrennungsanlagen für Dekadente. Aber vor dem Maklerbüro, da steht keine Kastanie. Da steht nur ein Moped. Ich wohne hier schon lange nicht mehr, und auch keiner, den ich kenne. Wir sind vertrieben worden, und das ist ein Fakt. Sie haben auf uns geschissen, sie haben unsere Kultur vernichtet, sie haben um zehn die Polizei gerufen, wenn irgendwo Musik war, sie haben einen Saftladen gebaut stattdessen. Aber wir sollen uns freundlich verhalten, mahnt der Zeitgeist, und tolerant sein gegenüber den Vegetierern, die jetzt hier wohnen, schließlich sind wir zivilisiert, aber der Punkt ist, ich würde nunmal im Augenblick am liebsten und am allerliebsten die Scheiben einschmeißen von dem Maklerbüro. - Gut, zurück aus der Nostalgie in die erbarmungslose Realität. Der Kiezneurotiker über Pjöngjang, McDonalds und das Berliner Umland:
McDonalds. Natürlich. Keine Überraschung. Die sind überall, wo sie das Elend der Hungrigen abschöpfen können, dort wo jene sind, die nicht wissen was sie sonst essen sollen, weil es einfach nichts anderes gibt.
Oft findet man solche Orte in Brandenburg – in unmittelbarer Nähe zu Autobahnauffahrten. Da stehen dann die Jugendlichen in Gruppen in ihren immer viel zu kurzen Hosen mit Smirnoff Ice in der Hand vor ihren türkislackierten tiefergelegten Hyundais herum und feiern mit Landser aus der Bassrolle den Umstand, dass vorige Woche endlich der letzte Fidschi das Dorf verlassen hat.
Mich friert.
McDonalds. Es muss wohl so sein. Ab und zu muss ich Dreck fressen. Mein Kind frisst Erde direkt aus dem Blumenkübel, der Idiotenköter von nebenan frisst aufgeweichte Polenböller vom Trottoir, die so aussehen wie seine eigene Kacke, und ich gehe eben zu McDonalds. Ab und zu. Hilft ja nix. Aber auch nur, um mir danach zu versichern, dass das nie wieder tun werde. - Da wir schon bei schwer Verdaulichem sind: Aisthesis – Selbstoptimierung und die Übertünchung der inneren Leere des Subjekts. Mit einem Blick auf Gilles Deleuzes Aufsatz „Postskriptum über die Kontrollgesellschaft“:
Man schuf, seit den 90ern, eine schöne neue Arbeitswelt: Kicker und Orangensaftmaschinen standen einst nur in den Werbeagenturen oder den ersten aufkeimenden größer werdenden IT-Buden herum – nirgends sonst. Dann verbreitete es sich. Es wurde die Mitternachtspizza von El Cheffe bestellt, damit auch spät abends noch gearbeitet würde. Diese Pizza war kultisch-ritueller Höhepunkt verlogener Arbeitszeit. Das Ritual wurde als witzig angesehen. Arbeit individualisierte sich; sie sollte das Ich treffen und vereinnahmen. Es wollte der Chef kein Feind mehr sein, sondern er spendierte eine kleine Prämienleistung, eine ultra-eventmäßige Weihnachtsfeier, wo man sich mit Gocha-Pistolen beschießt, aus denen Farbkugeln treffen oder verfehlen. Ich sehe Ende der 90er Jahre noch jene Mittdreizigjährigen, nicht mehr ganz jungen Männer und Frauen vor mir, die milde lächeln: „Hach, wozu brauchen wir denn einen Betriebsrat? Das ist doch sowas von old school!“ - Deleuzes Abscheu gegen das Marketing bietet sich als Anknüpfungspunkt für Michael Schmalenstroers Beitrag zu Werbung im Kontext der Leistungsschutzrechts/Print ist tot-Debatte an:
Man muss es in diesem Zusammenhang auch mal ganz ehrlich sagen: Werbung ist Scheiße. Kein Mensch hat Bock auf Werbung. Will jemand wirklich, dass Filme im Fernsehen unterbrochen werden? Findet wirklich jemand, dass die ubiquitären Werbeplakate, Schaufensterfronten oder Reklameschilder das Stadtbild verbessern? Freut sich jemand von uns, wenn sein Fahrradgepäckträger beflyert wird? Freut sich jemand auf die Müsliwerbung im Radio? Nein, natürlich nicht. Werbung nervt. Werbung will etwas verkaufen, was sonst keiner haben will. Werbung schreit wie ein kleines, verzogenes Kind lautstark nach Aufmerksamkeit. Egal, was irgendein Social Media-Berater erzählt: Kaum einer hat Lust, mit irgendwelchen “Brands” auf Facebook zu “interagieren”.
- Burkhard Schröder hat zum Thema Werbung ähnliches zu berichten, er war es auch, der mich auf einen neuen alten Text zu Thomas Wüppesahl aufmerksam machte. Zu dem hab ich ja schon mal eine Lese- und Hörempfehlung gegeben, diesmal also aus der Titanic. Keine Satire, wie Burks ausdrücklich schreibt…
- Nach diesem Ausflug in die jüngere deutsche Parlamentarismus-Vergangenheit bleiben wir doch gleich in dieser Zeit und dieser Umgebung. Nach und nach eröffnen sich derzeit in Luxemburg finstere Einblicke in die Geschichte der bundesrepublikanischen Demokratie. Spannend wäre die Frage, wann dieser Staat souverän genug ist, seinen Kindern dieses Kapitel der eigenen Historie in der Schule näher zu bringen. Konkret: Es geht um den sogenannten Bombenleger-Prozess, der auf telepolis von Markus Kompa begleitet wird, unter anderem mit einem Interview mit Daniele Ganser, der mit seiner Dissertation zu den Nato-Stay-Behind-Netzwerken in Europa einigen Dreck aufwirbelte. Und nach den Sachen, die da im Luxemburger Gerichtssaal ans Licht der Öffentlichkeit kommen, sollte, so unglaublich es klingt, der NSU nur eines von vielen Dreck-am-Stecken-Problemen der deutschen Geheimdienste sein:
Man muss im Auge behalten, dass die NATO mächtig ist, sie ist die größte Militärallianz der Welt, sie hat Gaddafi in Libyen gestürzt, führt Krieg in Afghanistan und hat 1999 Serbien bombardiert. Wenn Journalisten, Historiker und Gerichte die brisante These bestätigen könnten, dass die NATO in Europa in Terroranschläge verwickelt war, dann wäre die Glaubwürdigkeit der größten Militärallianz der Welt völlig erschüttert. Man muss hier also sehr präzise recherchieren, es geht ums nichts weniger als um die Glaubwürdigkeit der NATO.
Brisant sind vor allem die Aussagen des deutschen Historikers Andreas Kramer, der seinen Vater, einen inzwischen verstorbenen BND-Agenten, schwer belastet. Bei der jungen welt gibt es ein interessantes Interview mit Kramer:
(jw)Das Uelzener Lager wurde bei den Ermittlungen nach dem Bombenanschlag auf das Münchner Oktoberfest entdeckt, bei dem im Jahr zuvor 13 Menschen getötet und über 200 teils schwer verletzt wurden. Festgenommen wurde der rechtsextreme Forstbeamte Heinz Lemke – der wurde aber erhängt in seiner Zelle gefunden, bevor ihn die Staatsanwaltschaft vernehmen konnte. War er auch bei Gladio?
(Andreas Kramer):Mein Vater hatte ihn angeworben, als Forstbeamter erregte er ja keinen Verdacht, wenn er die Waldbestände durchging. Er war einer dieser »nützlichen Idioten«, wie mein Vater später die Männer etikettierte, die er in Luxemburg angeworben hatte. Lemke hatte den Auftrag, das Lager zu überwachen und auch wohl die Waffen zu warten, so weit es nötig war. Die Polizei hat immerhin automatische Waffen gefunden, 14000 Schuß Munition, 50 Panzerfäuste, 156 kg Sprengstoff, 230 Sprengkörper und 258 Handgranaten. Er sollte wohl auch kontrollieren, ob Feuchtigkeit eindringt – bestimmte Sprengstoffe dürfen nicht naß werden. - Auch hier im zweiten Teil der Linkliste ist um Georg Seeßlen kein Herumkommen: Passend zum Wochentag seine Unchristliche Sonntagspredigt mit Reflexionen zu Kapitalismus und Paradies:
Der Kapitalismus ist nicht paradiesisch. Er ist antiparadiesisch, seine rauesten Protagonisten schütteln lachend die Fäuste (ins verlorene Paradies, oder ins nie gesehene zurück): Scheiss auf das Paradies! Wir kommen gut ohne dich aus. Und tun sie’s etwa nicht? Lassen sie nicht andere für sich den Schweiß vergießen? Organisieren sie nicht Brotberge und Raubzüge, Märkte und Felder, Städte und Stätten, die unentwegt sagen: Das große Paradies ist verloren, aber kleine Paradiese gibt es zuhauf. Man muss sie sich nur leisten können. Arbeitet, Leute, arbeitet! Und akkumuliert, Leute, akkumuliert! - Und wo wir schon beim großen Ganzen sind: Bereits im Dezember machte flatter seinem Unmut über den sozialen Zusammenhalt mit sehr energischen Worten Luft. Inzwischen gab es Tote. Obwohl, die gab es vorher auch schon, selbst hierzulande. Nur, dass der Fall der zwangsgeräumten Berlinerin der erste ist, der breiter durch die Presse ging.
Nichts haben die Charakterschweine gelernt, die jeden Zwang befürworten, den sich ein eifriger Kollaborateur ausdenken kann. Das Existenzminimum muss sich niemand “verdienen”. Es ist das, was jedem zusteht, den die Gesellschaft nicht hat integrieren können. Auch die Faulen und die Renitenten. Punkt. Aber nein, diese verschwindende Minderheit taugt ihnen vielmehr zum Grund für den Weg zurück in die gepflegte Barbarei. Einer faul, alle faul. Alle faul, alle unwert. Das wird durchgekaut bis zum Erbrechen und dann noch einmal und noch einmal. - In welche Richtung sich Europa bewegt? Auseinander wäre hier wohl die treffende Antwort. Für Ungarn geht es konkreter, hier lauten die Zielkoordinaten Heimat und Nation. Kultur ist da nur unter Aufsicht und mit dem Wohlwollen der Oberen zu machen, wie die Journalistin Agnes Szabo beim Freitag berichtet:
Seit zwei, drei Jahren ist davon nichts mehr: keine Hoffnung, kein Charme, keine Illusion. Die Politik der Fidesz-Partei ist seither allgegenwärtig, vom Keller bis ins Dachgeschoss jedes Hauses, im Leben aller Menschen. Diese Politik bremste alles, was innovativ, frei, alternativ und kritisch war. Sie ließ die alternative Theaterszene verbluten, die in den letzten drei Jahren keine Fördergelder bekommen hat. Wir schreiben das dritte Jahr, in dem keine Filme produziert werden, und das erste Jahr, in dem es keine ungarische Filmwoche gibt – was hätte auch gezeigt werden sollen?Die Kultur ist unter Fidesz von der Ungarischen Akademie der Künste abhängig, deren Leiter ein, mit Verlaub, 80-jähriger Vollidiot ist, der nur christliche und nationale Kunst in Ungarn duldet und als allmächtiger König die Gelder verteilt. In den Führungspositionen der staatlichen Theater sitzen Viktor Orbáns Parteisoldaten, sie haben das Sagen, sie definieren, was man unter Kultur versteht. Radikale Amateure wurden zu Anführern. Der neue Direktor des Nationaltheaters, Attila Vidnyánszky, will das Haus am Tag seines Amtsantritts heilig sprechen.
- In welche Richtung es auch gehen könnte, selbst wenn das sehr unwahrscheinlich ist, erklärt Roberto. Wer bei Anarchie an die Abwesenheit von Regeln denkt, sollte mal im Wörterbuch bei Anomie nachschauen (oder halt bei Wikipedia). Und danach dann diesen Text bei ad sinistram lesen:
Noch eine Weile hörte ich ihm zu, das heißt, ich tat so, gab einige klägliche Antworten von mir, die ich heute nicht mehr weiß und verschwand. Arschloch, dachte ich mir. War er auch, mal abgesehen davon. Tut aber nichts zur Sache. Anarchismus heißt doch nicht Freiheit vom Staat, überlegte ich dann, sondern Freiheit von Herrschaft. Kann doch ich nichts dafür, das beides irgendwie immer zusammenfällt. - So, wer bis hierhin durchgehalten hat, der soll auch belohnt werden. Zum einen mit einem kurzweiligen Briefwechsel zwischen Adorno und Marcuse, gefunden bei Klaus Baum, zum zweiten mit einem längeren, aber doch ebenso kurzweiligen Text von Andreas Glumm (den
ichalle viel öfter lesen sollten) und mit einem erschreckenden Bilddokument zur Bildungsmisere an US-amerikanischen christlichen Schulen. Zu guter Letzt noch der Verweis auf einen Interviewfilm (keine 500 views bei youtube, das muss sich ändern…) mit Thomas Harlan, Sohn des Kolberg- und Jud-Süss-Machers, Schwippschwager von Kubrick, WG-Buddy von Deleuze, Freund Kinskis und Fritz Bauers gleichermaßen, kurzum: Ein internationaler deutscher Revolutionär mit Nazi-Vater. Und um den Medienmix zu vervollständigen weise ich noch gerne auf die WRINT-podcasts von Holger Klein hin. Wie man sagt, braucht der eigentlich keine Werbung mehr, neben Tim Pritlove ist er wohl einer der erfolgreichsten Podcaster überhaupt. Andererseits soll es immer noch Leute geben, die nicht wissen, was podcasts nun wieder sein sollen. Deswegen: anhören, vor allem die Folgen mit Christopher Lauer und Malte Welding lohnen sich. - Zuletzt noch eine ernstgemeinte Rätselaufgabe: Wie kann es sein, welches Mysterium steckt dahinter, dass auf argella.de der Inhalt zu finden ist, der dort zu finden ist?
Abschliessende Worte III – Alle Links, erster Teil
Es ist nur eine halber Aprilscherz, hier den Anspruch zu erheben, alle Links zu Texten der letzten Zeit, die auch nur irgendwie relevant sind, aufzulisten. Alle links, das kann man natürlich auch anders lesen… Dass es in diesen Zeiten obsolet geworden ist, Aprilscherze zu verbreiten, hat Roberto ja schon dargelegt:
Wenn sich die Sozialdemokratie auf ihre Wurzeln und den damit verbundenen Pazifismus besinnen würde, wenn die deutsche Regierung über die Grasfreigabe nachdenken bzw. mal das “Volk” dazu befragen würde, wie beim großen Bruder (in Nordkorea, das uns ja aprilscherzmässig demnächst den Atomkrieg beschert, ist es übrigens nie illegal gewesen), wenn Island als alternatives Lösungsmodell der “Krise” breit diskutiert werden würde, wenn sich die deutschen Eliten anlässlich der Worte des Stellvertreter ihres Gottes in ihrer Gier ein wenig zurücknehmen würden – das alles ginge problemlos als Aprilscherz durch.
Also, es folgen wichtige und wunderbare Texte, die ich bisher nirgends verlinkt habe, was eine Schande ist:
- Scheiss auf grosses Kino! – Der Netzhäuter schreibt, was ich denke und manchmal auch versuche, zu schreiben, irgendwie. Grossartig:
Also schiebt euch euren Goethe dahin wo nie die Sonne scheint (lesen tut ihr ihn ja eh nicht, nur loben). Und wenn ihr schon dabei seid, könnt ihr euren ganzen hochgelobten Kanon hinterherschieben. Ich wette das passt noch problemlos daneben, weil ihr nämlich riesen Arschlöcher seid. – Und so geht das die ganze Zeit weiter, am liebsten würde ich den ganzen Text hier zitieren… - Warum ich jetzt blogge – Philipp Meinhold fängt mit dem Bloggen an, um den Spass am Schreiben wiederzufinden. Und weil – wie der Netzhäuter schrieb – alles nur noch nach der Pfeife der Marketing-Kokainjunkies-Flachwichser tanzt:
Doch nun, nach gut zehn Jahren schriftstellerischer Tätigkeit, bin ich es leid, mich zwangsweise in die Verwertungskette einzugliedern und die damit verbundenen Frustrationen zu ertragen. Bei Büchern heißt das: mitunter jahrelang an einem Text zu arbeiten, diesen anzubieten, monatelang auf eine Antwort zu warten, die dann häufig in einer knappen Formabsage besteht, nicht selten, trotz freundlicher Nachfrage, nie wieder etwas von einem Verlag zu hören. Und dies (so viel Selbstvertrauen darf sein) unabhängig von der Qualität des Textes. - “Deutschland” – Ein Rauswurf-Begriff: Holdger Platta beim Spiegelfechter über die, die nicht mehr dazugehören:
Was in dieser „Deutschland“- und „Wir“-Phraseologie ausgesprochen wird, der Rauswurf der Zwangsarbeitslosen, Aufstocker und Armutsrentner aus der Gesellschaft, das ist nicht nur verbale Ungeheuerlichkeit, das ist vor allem ungeheuerliche Realität. Das ist Realität, die mit Demokratie nichts mehr zu tun hat, mit der „Volksgemeinschafts“-Ideologie des Dritten Reiches aber bereits sehr viel. Selbstverständlich: der Zwangsausschluß der Menschen damals wurde mit Verboten durchgesetzt, heute geschieht das durch Geldentzug. Im Denken wie im Effekt gibt es jedoch keinen Unterschied. „Deutschland“ und „Wir“ stellen in dieser Propaganda Rauswurf-Vokabeln dar, welche heute wie damals dieselbe Realität beschwören. - Zur Aktualität Siegfried Kracauers I – Georg Seeßlen (I) blickt zurück, um klarer nach vorne blicken zu können:
Ein Großteil des proletarisierten oder prekarisierten deutschen Bürgertums verweigert sich auch heute schlicht der Einsicht in die eigene soziale Lage. Jeder ist ein „Einzelfall“ und hält entweder sich selbst oder aber irgend einen mehr oder weniger imaginären anderen für schuldig am eigenen Abstieg. Man muss nicht besonders erwähnen, dass dieses Schuld-Management anfällig macht für Modelle der Niedertracht à la Thilo Sarrazin, der seine 1,5 Millionen Exemplare „Deutschland schafft sich ab“ eher weniger der Bücherkauflust der neuen Unterschicht verdankt. Sarrazin gehört zu den para-faschistischen Rettungsankern eines deutschen Bürgertums, das alles zu tun bereit ist, die eigene Situation zu verschleiern. - Was ist Merkelismus? – Georg Seeßlen (II) über Postdemokratie, Exportweltmeister und die After-Vasallen der Merkelin:
Der Kampf um den Exportüberschuss ist immer der Kampf gegen die Arbeit. Die Produktivität muss gesteigert und die Lohnkosten müssen gesenkt werden. Die „Linke“ des Merkelismus setzt ein wenig mehr auf die Steigerung der Produktivität (Bildung, Wissenschaft, soziale Motivation), die Rechte mehr auf Senkung der Lohnkosten (wenn es sein muss mit Gewalt: Vorwärts ins 18. Jahrhundert!). So ist eigentlich jetzt schon klar, was die Zukunft bringen wird: Merkelismus, der auf den „rechten“ Koalitionspartner FDP verzichtet und den „linken“ Koalitionspartner der post-schröderistischen (und von Steinbrück vollends verblödeten) Sozialdemokratie verwendet, um den Neo-Merkantilismus zu perfektionieren. - Wir haben uns daran gewöhnt – Anne Roth mit wenigen, aber klaren Worten und weiterführenden Bewegtbildlinks über eine der vielen Schattenseiten unserer freien Demokratie:
Wir finden mehr oder weniger normal, dass es auf den ‘Vermischtes’-Seiten lange Berichte über Unfälle mit einigen Toten und Verletzten gibt, und gleichzeitig die vielen Toten des Mittelmeers gelegentlich eine Kurzmeldung bekommen. Diese Toten gibt es, weil die deutsche Regierung, deutsche InnenpolitikerInnen, gemeinsam mit anderen EU-Regierungen, entscheidet, dass es sie gibt. Es ist damit auch unsere Verantwortung, dass es diese Toten gibt. - Die Geldelite verselbständigt sich – Interview mit dem Soziologen Hans-Jürgen Krysmanski zu dessen Buch “0,1 Prozent – Das Imperium der Milliardäre”. Sie sind alle dabei, Negri und Hardt, Bordieu und Hobsbawn, Wallerstein und Gehlen:
Das gängige empirische Rüstzeug der Soziologie ist für die Erforschung der Frage, was die Superreichen tun, wenn sie Macht gewinnen, kaum geeignet. Man kann sie kaum befragen und sie werden kaum antworten. Ihre Vermögen lassen sich nur mit großer Unsicherheit schätzen. Der Kanon empirischer Methoden ist nicht wirklich über die industrie- und militärsoziologischen Untersuchungen des letzten Jahrhunderts hinausgekommen. In unseren hierarchisch geschichteten Gesellschaften gibt es noch immer nur eine Beobachtungsperspektive: Die Mittelschichten beobachten die Unterschichten im Auftrag der Oberschicht. Bestenfalls beobachten verschiedene Mittelschichtenfraktionen noch einander. Wer aber beobachtet die Oberschicht? - Und noch einmal “Arbeit” – Flatter darf hier natürlich nicht fehlen, in diesem Text arbeitet er sich am Arbeitsbegriff ab – hat er schon öfter gemacht, hab ich schon öfter gemacht, und es ginge auch viel ausführlicher – aber: muss nicht.
Wir kommen vom Begriff der Arbeit nicht los, also will ich mich dem auch nicht entziehen und einen weiteren Versuch wagen, ihn zu denken, und zwar von seinen Extremen her. Diese sind aus meiner Sicht: Arbeit als Vernichtungsprozess, Arbeit als Teil einer kapitalistischen Religion, insbesondere im Neoliberalismus, und drittens Arbeit an der Grenze zur bloßen Tätigkeit, wo der Begriff vielleicht überflüssig wird. Das Motiv, das solche Bemühungen trägt, ist immer noch die Frage, inwieweit eine andere Organisation von Arbeit möglich ist, was daraus folgt und wie man dorthin gelangen kann. - Und noch einmal Kracauer: Rezension von Walter Benjamin zu Kracauers “Die Angestellten” – Wenn es nicht so wahr und so schlimm wäre, diese ganzen Weimar-Vergleiche würden einem soweit zum Halse raushängen, dass man ständig über sie stolpern müsste. Was einst das Kleinbürgertum der Angestellten war, sind heute die, die “es Arbeit nennen” – der Ort ist der gleiche geblieben, vielleicht auch der selbe:
Die Erfahrung aber, die hier zugrunde liegt, ist einfach die des Intellektuellen. Der Intellektuelle ist der geborene Feind des Kleinbürgertums, weil er es ständig in sich selbst überwinden muß. Hier hat er sich auf seine Stärke besonnen, die darin besteht, die bürgerlichen Ideologien, wenn schon nicht restlos, so in allem zu durchschauen, wo sie noch mit dem Kleinbürgertum zusammenhängen. In den Angestellten aber kommt nun ein neues, uniformierteres, erstarrteres, gedrillteres Kleinbürgertum herauf. Es ist unendlich viel ärmer an Typen, Originalen, verschrobenen, aber versöhnlichen Menschenbildern als das verflossene. Dafür unendlich viel reicher an Illusionen und an Verdrängungen. - Und dann, wo wir schon mal dabei sind, sowas kommt von sowas: Ein Text, der vor einiger Zeit durchs Netz ging, wo ich mich frage: Echt, das ist die Lösung, so kann man enden? Was jetzt, obwohl mein Weg in die genau andere Richtung geht, keine persönliche Kritik am Autor ist, sondern nur ein Staunen über die Selbstunterwerfung im Hamsterrad, die nicht ausbleibt, wenn man im Hamsterrad bleiben will: München, 27 Grad, bewölkt – Mein Rückblick auf ein halbes Jahr Arbeitslosigkeit:
Nachdem die letzte Hand geschüttelt und das letzte Adieu gehaucht worden war, stand ich zur Mittagszeit im Tal in München. Als ich so vor dem REWE stand, dem traditionellen Ort des Mittagessenseinkaufs, formulierte ich ein Facebook-Posting („Ah, so fühlt sich dieses arbeitslos also an…immerhin scheint die Sonne.“) und bekam immerhin 11 Likes und 24 Kommentare dazu. Das ist also eine Arbeitslosigkeit wert, dachte ich, 11 Likes und 24 Kommentare. Wohin also jetzt? - Same Same but different: Auch Lars Sobiraj hat eine Geschichte aus der schönen neuen Arbeitswelt, die zum Himmel stinkt: Ehemalige Arbeitgeber und andere Katastrophen - ob irgendwann mal irgendwer merkt, dass es hier um Systemversagen (oder das System Versagen) geht, und ob das dann gehört wird?
Ich bekam die Anfrage des Redaktionsleiters, der damals noch zusätzlich für ein anderes News-Portal des Betreibers verantwortlich war. Er könne mir eine Flugreise für ein Interview in Südeuropa anbieten. Ich fragte freundlich zurück, wie denn die Konditionen aussehen. Es kam keine Antwort. Zwei Tage später fragte ich nach, was denn aus den Reiseplänen geworden sei. Er antwortete mir, ich hätte nicht nach den Konditionen fragen dürfen. Er hätte das Interview einem Kollegen vermittelt. Aha, denkt man sich dann. Ich fand es schade, weil mich das Gespräch schon gereizt hätte. Dann etwa 3 Tage vor dem Termin bekam ich eine Mitteilung, der Kollege habe es sich anders überlegt. Ob ich nicht doch fliegen könne. Ich fragte abermals nach den Konditionen. Bei einem Arbeitsaufwand von etwa 3,5 bis 4 Tagen inklusive dem Übersetzen und Mitschreiben des englischsprachigen Interviews, mit An- und Abreise, plus Formulierung eines allgemeinen Artikels über die Führung durch das Unternehmen – für all das sollte ich brutto 70 Euro bekommen. Man räumte mir „ausnahmsweise“ das Recht zur Zweitverwertung ein. - Da ich mich also aus dem Hamsterrad rauskatapultiert habe, liegt meine Zukunft wohl eher in dieser Richtung: Der lange Abschied. Mario Kaiser im SZ-Magazin über einen zwei Jahre dauernden Abschied vom Staat.
- Christian Jakubetz versucht, eine Antwort auf die vor zwei Absätzen gestellte Frage zu finden: Der Niedergang eines Berufsstands (und eine Buchidee). Manchmal, wenn ich optimistisch bin, bin ich versucht, “Hier” zu schreien.
Was wird eigentlich aus einer Gesellschaft ohne Journalismus? Braucht sie ihn und uns vielleicht gar nicht mehr? Und falls doch, wie soll ein Journalismus funktionieren, der aus Tagelöhnern und Dazuverdienern besteht – oder bestenfalls aus Menschen, die eine Unmenge an Idealismus mitbringen, weil es anders gar nicht mehr geht? Müsste man also nicht langsam mal eine Entscheidung treffen – entweder, den Journalismus, wie wir ihn heute kennen, für verzichtbar zu erklären, oder aber für eine Renaissance zu sorgen, damit er seine ihm eigentlich zugedachten Aufgaben wieder ordentlich wahrnehmen kann? - Mal ein Blick in eine ganz andere Nische, nach so viel schwerer Kost: Der Star-Trek-Übersetzer Bernhard Kempen über Literaturübersetzungen und die Herausforderungen des Technobabble: Die unsichtbare Tätigkeit – Erfahrungen eines Romanübersetzers.
Romanübersetzer haben einen undankbaren Job. Besonders frustrierend ist die Tatsache, daß diese Tätigkeit für die meisten Leser offenbar völlig unsichtbar bleibt. Davon wurde ich selbst vor einiger Zeit auf eindrucksvolle Weise überzeugt, als verschiedene Bekannte bei mir anfragten, ob ich schon von einem kürzlich erschienenen prähistorischen Roman gehört hätte, weil diese Leute wußten, daß ich mich sehr für »Steinzeitliteratur« interessiere. Ich mußte diesen wohlmeinenden Bekannten nun erwidern, daß ich dieses Werk sogar sehr gut kenne. Ich kenne es vielleicht sogar besser als die meisten deutschen Leser – weil ich es nämlich selbst übersetzt habe. - Wo wir schon bei der Nische und der Kultur sind: Erstens: Eine Reflexion über die Folgen der Sozialisation in der Kohl-Ära der BRD, natürlich nicht voll zustimmungsfähig, aber allemal lesenswert, genau wie die Kommentare darunter: Die Kohl-Generation – Der Deckel auf dem Topf:
Dann kam Kohl, und allmählich ist es wohl an der Zeit, Bilanz zu ziehen, in welcher Hinsicht er fatal wirkte. Die Raketen wurden stationiert, doch anders als Thatcher oder Reagan vollzog der allseits als “Birne” Diffamierte kein brutales, neoliberales Programm, und einem Lambsdorff wurde ein Blüm entgegen gestellt. Trotz gelegentlichen Aufflackerns der massenhaften Politisierung wie in Wackersdorf oder rund um die Hafenstraße und die Alte Flora, trotz starker Aktivitäten der Autonomen in Groß- und Studentenstädten, war vieles in der Alltagsästhetik und Haltung in Abgrenzung gegen “Öko” geprägt und Politik wurde zunehmend uncool. Wer sich für hip hielt, las die Tempo, die durchaus politisch startete, ansonsten aber ästhetisierend wirkte, stellte sich Chromregale auf den abgeschliffenen Holzfußboden und diskutierte Popkultur. - Anschlusslos weiter geht es mit einer englischsprachigen Rezension zu Don De Lillos “Cosmopolis” – passt zum Vorherigen, wackelt und hat Luft. Das festgestellte Hauptproblem des Romans ist es auch, was die Verfilmung beinahe unerträglich macht, neben dem Hauptdarsteller, der sich für seine Möglichkeiten ganz wacker schlägt. Da hilft es wenig, dass es sich um einen Cronenberg handelt, der wenigstens gute Bilder zu setzen weiss – A Day in April:
With the proper mix of irony and distance, the thoughts of a ravenous capitalist can be made philosophically engrossing, if not attractive. But Eric’s pronouncements, on almost every page, only inspire a sigh or a slap to the forehead. Before long the reader begins muttering: “Can DeLillo really believe this?” - Ein kleiner Kreis schliesst sich, denn der Text “Nur an Montagen” ist nicht nur einer der besten, die Roberto in letzter Zeit geschrieben hat (man merkt, dass das sein Thema ist) und somit ebenso ein Kulturgenuss, sondern er knüpft auch an die Arbeitswelt-Texte von weiter oben an. In eine Richtung, mit der ich viel mehr anfangen kann, als mit “München, 27 Grad…”
Ich bekenne mich durchaus zur Faulheit. Wie so viele andere auch. Wie all jene, die einen Arbeitsplatz hatten und von der Bummelei im kühlen Schatten oder wahlweise unter warmen Bettdecken träumten. Nur die durften ja ihre Faulheit verbal zur Schau tragen, am Arbeitsplatz untereinander ihren Faulheitsphantasmagorien nachhängen. Ich nicht. Ohne Arbeitsplatz gibt es keinen Anspruch darauf, die persönliche Faulheit zu verkündigen. Für die einen ist die Faulheit der verdiente Lohn; für Hartz IV-Bezieher ist es ein unterstellter ekelhafter Charakterzug, der sittliche Untergang des Abendlandes. - Da nun das Essen in den Ofen muss und danach der Tatort wartet und es schon wieder viel zu spät ist, muss dieses Posting wohl aufgeteilt werden. Also lass ich euch fürs Erste mit der Kultur aus deutschen Landen allein: In Text, Bild und Bewegtbild - vom deutschen Johnny Cash aus Oberbilk, langhaarigen Hippies, die auf der Strasse rauchen und den tanzenden Leistungsträgern. Gute Nacht, Deutschland, und geh kacken, dann schläft es sich auch besser…
Abschliessende Worte II – Fickt euch doch alle!
Fickt euch doch alle! Fickt euch dafür, dass ihr der RAF ein eigenes Gebäude in Stammheim hinstellt, für 12 Millionen DM, und den NSU-Prozess jetzt in einem so kleinen Saal veranstaltet, dass da aus Platzmangel kaum fünfzig Leutchen akkreditiert werden können, und zufälligerweise sind keine türkischen Medien auf der Liste.
„Wir tun alles, um die Morde aufzuklären, die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen“ - sicher, Digga, ausserdem hat niemand die Absicht eine Mauer zu bauen, die Renten sind sicher, es wird blühende Landschaften geben und den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.
Fickt euch dafür, dass ihr immer schön Blumenkränze ablegt an irgendwelchen Gedenktagen und brav euren „Nie wieder“-Rosenkranz aufsagt, während ihr in breiter Einheitsfront die Grenzen für die dichtmachen wollt, denen ihr gerade noch ein Mahnmal gebaut habt. Beginnt doch einfach schon mal mit der Ausschreibung für das Denkmal für die Flüchtlinge, die es nicht übers Mittelmeer oder Gibraltar oder den Bosporus geschafft haben.
Fickt euch und eure Väter und Mütter, die natürlich nie Nazis waren, nein, die gibt es hier nicht, das waren immer nur die die anderen. Da muss irgendwie eine Seuche aus Österreich über die Grenze gekommen sein, wiekonntedasnurpassierenohmeingottwowirdochsozivilisiertwaren. Fickt euch – wenn ihr wissen wollt, wie in der Zeitung in kürzester Zeit aus dem netten Nachbarn von nebenan der raffgierige KapitalistenBolschewikJude wurde, dann fragt euch doch, wann und warum ein Gutmensch auf einmal schimpfwortwürdig wurde.
Fickt euch dafür, dass ihr am liebsten alle Grenzen dicht machen wollt, zumindest für „Südländer“, diewollenwirhiernichtdienehmenunsdiearbeitunddiefrauenwegundklauenunserekinder. Auf dass die nächste Kaltphase so schnell wie möglich kommt, viel Spass dann, wenn ihr vor den Gletschern gen Süden fliehen müsst. Fickt euer achso deutschgermanisches Blut, von dem ihr nicht mal wisst, dass es vor kaum hundertfünfzig Jahren konstruiert wurde, zusammen mit den ganzen hässlichen Prunkdenkmälern. Wenn ihr nicht wollt, dass hier keiner rein kommt, der nicht schon immer hier war, dann packt eure Sachen und geht zurück nach Afrika oder von mir aus ans östliche Mittelmeer, denn da kommen wir alle her und die Wölfe und Elche und Bären haben hier endlich wieder ihre Ruhe.
Fickt euch dafür, dass ihr immer gleich die Nazi-Karte ausspielt und bei jeder Gelegenheit einen Verbotsantrag parat habt, anstatt euch den Idioten zu stellen und ihnen die Maske vom Gesicht zu reissen. Fickt euch dafür, dass diese Dummbatzen dann so schön in die Opferrolle schlüpfen können. Wenn ihr eure Preise für kommerzielle Erfolge vergebt, dann solltet ihr euch fragen, warum Dummheit so viel Zuspruch findet, anstatt sie auszuladen.
Fickt euch dafür, dass ihr von Demokratie redet und sie anderen absprecht, wenn ihr selbst eure Kandidaten nach Schlagzeilen und Meinungsumfragen aussucht, die ihr dann auf von der Industrie gesponsorten Parteitagen abnickt. Fickt eure Geheimdienste, die weder uns noch die Verfassung schützen, sondern Naziorganisationen finanzieren, alles abhören, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und sonst aber auch gar nichts auf die Reihe bekommen.
Fickt euch mit eurer allvierjährlichen einen Tag dauernden Demokratiesimulation. Wenn ihr das wirklich ernst nehmt und ernst meint, dann bitte: Jeder einzelne von deutschen Waffen ermordete Mensch wurde mit eurer Stimme ermordet, ob da jetzt ein deutscher Soldat, dem demnächst wieder Kriegerdenkmäler gebaut werden, am Abzug war oder die saudische Geheimpolizei. Ganz zu schweigen von denen, die dank der Politik eurer Abgeordneten verhungern, denen ihr Land genommen oder verseucht wird, weil ihr eure Shrimps und euren Pangasius, eure Klamotten oder eure Technikspielzeuge möglichst billig haben wollt. Fickt euch dafür, dass ihr das als Demokratie bezeichnet.
Fickt euch dafür, dass ihr immer schön brav Demonstrationen anmeldet, wenn mal wieder ein Kapitalist seine Werkstore zumacht, egal ob da jetzt Autos oder Meinungen produziert wurden, und ihr eure Gewerkschaftssekretäre vor die Kameras schickt anstatt auf die Barrikaden. Fordert nur weiter lammfromm Lohnerhöhungen im einstelligen Prozentbereich, könnte ja sein, dass wenn jemand mal wagt die Systemfrage zu stellen, kein Kamerateam mehr da ist, dafür aber die staatlich bezahlten Schläger in Uniform.
Fickt euch dafür, dass ihr „Europa retten“ sagt und mit dem, was ihr tut, Europa kaputt macht. Gerettet wird hier was ganz anderes. Euer Europa, das sind und waren die regierenden Rechtspopulisten in Ungarn, in Österreich, in Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Italien. Mit denen steigt ihr gerne in die Kiste, aber die, die in Spanien, Italien, Griechenland und wer weiss wo noch auf die Strasse gehen, die lasst ihr über die Klinge springen.
Fickt euch dafür, dass ihr überall eure Firmenlogos draufpappt, dass ihr Sprayer mit BGS-Hubschraubern jagt und Plakatwändeaufsteller respektable Vertreter der Gesellschaft sind. Fickt euch dafür, dass ihr jeden verdammten Sport und so gut wie jede Kulturveranstaltung von irgendwem sponsern lasst, dass ihr glaubt, dass Einschaltquoten irgendwas aussagen würden und Werbung irgendwas bewirken würde. Fickt euch dafür, dass es keine Uni mehr ohne die Wirtschaft schafft.
Fickt euch dafür, dass ihr ständig sagt, wie wichtig euch die Bildung ist. Wichtig sind für euch nur verwertbare und vergleichbare Abschlüsse, die Inhalte sind euch scheissegal, mit lernen hat das gar nichts zu tun. Fickt euch für euren Bildungsstandort mit befristeten Zweijahresdrittmittelstellen für Promotionsstudenten und Postdocs, für das Bachelorstudium und verkürzte Abizeiten, damit euer Nachwuchs nicht auf dumme Ideen kommt sondern dem Arbeitsmarkt so schnell wie möglich zur Verfügung steht.
Fickt euch dafür, dass nichts zählt, was nicht in der Wirtschaft verwertet werden kann, dass ihr euch über lückenlose Hauptschul-HartzIV-Karrieren in der dritten Generation in Folge beschwert, statt was dagegen zu tun. Fickt euch dafür, dass ihr Lehrer als faul bezeichnet, während die sieben Tage in der Woche bis abends um zehn die Klausuren ihrer 30 Schüler pro Klasse korrigieren und auch sonst für alles verantwortlich sind, was der Nachwuchs falsch macht, bis sie, faul wie sie sind, komplett ausgebrannt umfallen, ausfallen und für das nächste halbe Jahr durch die Oma aus der Nachbarschaft ersetzt werden.
Fickt euch dafür, dass ihr alles, was uns allen gehört, in eurem Privatisierungswahn denen in den Rachen werft, die damit nichts als Profit machen wollen, bis sie es ruiniert haben und uns den kläglichen Rest dann wieder vor die Füsse werfen.
Fickt euch dafür, dass ihr uns gegeneinander aufhetzt, dass ihr uns die Waffen dafür in die Hand gebt, dass ihr unsere Angst und unseren Hass schürt. Fickt euch dafür, dass ihr aus dem wir ein „wir oder die“ macht.
Und fickt uns, die das alles viel zu lange haben mit sich machen lassen, weil ja das Auto und das Haus und der Flatscreen abbezahlt werden müssen. Oder wenigstens die Miete, das Bahnticket und was zu fressen.
Abschliessende Worte I
Still war es hier in den letzten Wochen und Monaten, während der Zeitgeist unbeirrt weiter wogte und tobte. Es hätte auch anders laufen können: Das letzte Jahr lief gar nicht so schlecht, die Statistiken für das abgeschlossene zweite und angebrochene dritte Betriebsjahr dieses Blogs waren vielversprechend, die Besucherzahlen wuchsen. Es gab viel Zuspruch – gerade auch von gut vernetzten MitBloggern. Dafür sollte ich dankbar sein – und das bin ich auch (allen, die sich angesprochen fühlen, sei hiermit ein virtueller Blumenstrauss überreicht).
Ich bin in keinem der ach so wichtigen sozialen Netzwerke aktiv, weder auf facebook noch bei twitter, auch das google+-Experiment habe ich inzwischen als für mich ungeeignet abgeschlossen. Denkbar ungünstige Voraussetzungen also, um ein Blog am Laufen zu halten, mal ganz davon abgesehen, dass ich es auch nicht in meinem (nicht vorhandenen) elitären Freundeskreis bewerbe, also keine Chance auf Multiplikatoren in Entscheiderpositionen habe, weder bei Werbeagenturen noch in Redaktionen. Ich kenne nicht mal ZDF-Neo-Praktikanten, die einen Tweet von mir bei Joko und Klaas unterbringen könnten. Und selbst wenn, ich twittere ja nicht, wie gesagt – Peter Altmaier und Erika Steinbach sind hipper als ich, wer hätte das gedacht…
Ganz zu schweigen von den so wichtigen Vernetzungstreffen: Weder der Chaos-Kongress noch die re:publica reizen mich, von irgendwelchen piratigen Zusammenkünften in westfälischen Mehrzwecksporthallen wollen wir gar nicht erst anfangen zu reden. Nicht, dass mich jemand falsch versteht: Das mögen alles tolle Veranstaltungen sein (genau wie facebook, twitter und google+ ohne Zweifel praktikable Werkzeuge sind), mit super Vorträgen und das Angenehme mit dem Nützlichen verbindenden Abendveranstaltungen. Nur halt nix für mich (und meinen leeren Geldbeutel).
Trotz all dieser Handicaps landete dieses Blog also im letzten Jahr in einigen Linklisten, vom ix bis zu den Nachdenkseiten (das war ein kleiner Schock, zugegeben), was eine beträchtliche Anzahl von Leuten hier auf meine Seiten spülte. Zu guter Letzt dann noch die Aufnahme in die Blogroll bei flatter, darauf hätte ich aufbauen können (müssen!): Das Timing war perfekt, denn ungefähr zur gleichen Zeit haute Johnny bei Spreeblick den alljährlichen „Blogs sind nicht tot, die riechen nicht mal komisch-Artikel“ raus. Wäre ein guter Aufhänger gewesen.
Warum dann also dieses Loch nach dem letzten Posting? Einerseits mag das daran gelegen haben, dass ich mich „zwischen den Jahren“ in Berlin mit einem feinen Batzen Gras eingedeckt habe und mit dessen Hilfe ein popkulturelles Forschungsfreisemester begann: Der alljährliche Friends-Marathon wurde abgearbeitet, es folgte alles, was je den Titel „Star Trek“ trug, zu guter Letzt widmete ich mich neueren Sachen wie Parks and Recreations und daraufhin auch gleich Louis CK`s Soloprogrammen. Als hier im Netz die #aufschrei-Debatte lief, war ich grad mit den aktuellen Dexter-Folgen fertig und erfreute mich passenderweise an der frisch angelaufenen Californication-Staffel.
Parallel dazu, wenn die Augen viereckig wurden, wie meine Oma zu sagen pflegte, tauchte ich ins reddit-Universum ab. Mein Standardrezept beim Umgang mit saisonal auftretendem Weltschmerz und Depressionen: Flucht aus der Tagesschau-Realität. Mancher mag hier ein Krankheitsbild erkennen, das – zusammen mit meiner nicht zu leugnenden Menschenscheu – dringend behandlungsbedürftig ist. Für mich und meine eingeschränkte Wahrnehmung krankt hier allerdings etwas ganz anderes, nämlich nicht ich, sondern die Welt um mich herum. In Anlehnung an Rosa von Praunheim: Nicht der Verzweifelte ist verrückt, sondern die Gesellschaft, in der er lebt.
Was also soll der ganze Scheiss? Gut, ich kann das Schreiben nicht lassen – aber hier so weitermachen wie bisher, das ergibt auch keinen Sinn mehr. Frank hat drüben die Türen vom Binsenbrenner längst dichtgemacht, den Politblogger und viele andere gibt es auch nicht mehr. Wozu also sollte ich immer wieder und wieder dasselbe schreiben?
Ich finde, es wäre an der Zeit, die Kräfte zu bündeln und Grenzen zu überschreiten: Keine Krümel vom Kuchen fordern, nicht mehr untertänig Netzpolitik-Zugeständnisse erbitten, sondern eine breite Front aufmachen. Schmeisst den Spiegelfechter, ad sinistram und Feynsinn zusammen, kidnappt Klaus Baum, Nadia Shehadeh und Sara, nehmt die Hedonistische Internationale und das Zentrum für politische Schönheit mit ins Boot (und alle, die ich hier vergessen habe), holt euch die Kohle von mir aus von Hildebrandt, Pispers und Schramm, schreibt grosse Worte ins Netz, mit geballter Wut und Zorn, pinselt zusammen mit all den Banksy-Epigonen die Wände voll, kotzt den Unbill in jedes Mikro und jede Kamera und vergesst den Spass dabei nicht. Was denn sonst?
Klar müssen dabei ein paar Schatten übersprungen und persönliche Animositäten zurückgestellt werden, aber in gewohnten und berechenbaren Bahnen lässt es sich schlecht zu neuen Ufern aufbrechen. Und bitte, wenn es immer noch nicht an der Zeit für Pathos ist, wenn „Wer, wenn nicht wir…“ immer noch nicht gilt, dann bleibt uns nichts, als irgendwann im September wählen zu gehen und so zu tun, als ob das unsere Demokratie wäre. Und in ein paar Jahren sehen wir uns dann alle am Ende von „Die kommenden Tage“ wieder… So oder so, ich bin irgendwie und irgendwo dabei. Oder in der Einsiedlerei, selbstversorgend und ohne jegliches Netz.
Der Freche und das Feuilleton
Diese Gesellschaft besteht aus Fragmenten: Für die einen dreht sich alles um das Leistungsschutzrecht, andere richten ihr Leben ganz nach dem Bundesligaspielplan und ihrem Lieblingsverein aus, die nächsten können nur ruhig schlafen, wenn sie am Tage erfolgreich Rohstoffe fremder Länder, in die sie noch nie ein Fuss gesetzt haben, überteuert verkauft haben. Es soll auch Menschen geben, für die nichts wichtiger ist, als alle Uniformen und Rangabzeichen der Sternenflotte zu kennen, die fliessend Klingonisch sprechen und jede Mühe auf sich nehmen, um Gleichgesinnte zu treffen und in selbstgeschneiderten Kostümen über die oberste Direktive zu philosophieren.
Es gibt aber einen Ort, an dem all diese randständigen Existenzen zusammenfinden können: Die höchst aussergewöhnliche Freizeitbeschäftigung, das eifrig betriebene Engagement für eine politische Utopie oder auch der unmoralische und unmoralisch hoch bezahlte Börsenjongleursjob – stimmt nur der Blickwinkel und ist die Feder richtig gespitzt, sind das alles gute Themen für’s Feuilleton.
Hier bekommt das Nischendasein das Hochkultur-Gütesiegel verliehen, hier wird das eine Prozent gefeiert: Habermas und Sloterdijk; Telemann und Henze; Kehlmann, Tellkamp oder Nadj Abonji – diese alteingesessenen Bewohner des Hochkulturhabitats dürfen sich die Feuilletonseiten immer wieder mal mit Reflexionen über die Kunst eines Messi oder Balotelli, das aufregende Leben von Derivatehändlern oder japanische Manga-Welten in mitteleuropäischen Jugendzimmern teilen. Alles geht, Hauptsache es ist kein langweiliger Mainstream. Obwohl: Das wird dann unter Popkultur verbucht, als “Phänomen” schaffen es selbst Dieter Bohlen oder das Wacken Open Air auf die intellektualisierte Resterampe – es muss nicht klug sein, es muss nur klug genug klingen. Und in schöner Regelmäßigkeit wird auf eben diesen Seiten die eigene Wichtigkeit unterstrichen, indem man eine Leitkulturdebatte vom Zaun bricht.
Gerade in den zeitlosen Weiten des Feuilletons mag es wie eine Ewigkeit scheinen, aber es ist gerade einmal vier Monate her, dass Georg Seeßlen mit seiner Forderung nach der Abschaffung des Feuilletons eine interessante Debatte lostrat. Er konstatierte dessen Erosion zur garbage collection, das Echo darauf war umfangreich und vielfältig. Nun mögen Zeitungen und Verlage sterben oder auseinandergerissen werden, doch es braucht das Feuilleton, um darüber zu berichten, es wird also überleben: Längst ist es ins Netz ausgewandert, feiert dort gar schon sein vierjähriges Bestehen, auch bei Klaus Baum oder Bersarins Aisthesis kommt man nicht umhin, ihr Schaffen als feuilletonistisch – in einem positiven Sinn, nicht dass man mich hier falsch versteht – zu bezeichnen. Von Georg Seeßlen ganz zu schweigen.
Nun gestehe ich gerne ein, dass das Feuilleton für mich eine fremde Welt ist, ich dessen Distinktionsrituale weder verstehe noch beherrsche, wie man wahrscheinlich gut an den vorangegangenen Absätzen erkennt. Trotzdem beobachte ich das Treiben dort mit einem interessierten ethnologischen Blick. Und dabei stiess ich unlängst auf ein Interview, das eine längere Betrachtung verdient. Auf “Der Umblätterer” wurde es als “Feuilletonereignis des Jahres” bezeichnet:
“Als ich fertig war mit Minztee, Stachelbeerbaiser und FAS, traf ich mich noch mit ein paar Leuten auf dem Weihnachtsmarkt. Irgendjemand berichtete, dass er nun endlich das Thielemann-Interview in der »Zeit« von neulich gelesen habe. Sofort zitierten alle ihre Lieblingsstellen, denn dieses Interview ist wohl das Feuilletonereignis des Jahres gewesen, so so geil, es ist wirklich immer noch nicht zu fassen, dass dieser Text gewordene Feuilletontraum tatsächlich gedruckt in einer Zeitung gestanden hat.”
Das machte mich natürlich neugierig, vielleicht konnte mir dieser “Text gewordene Feuilletontraum” ja einen Einblick verschaffen, der mir bisher verwehrt geblieben ist. Also nahm ich mir etwas Zeit und Rotwein und las das Interview mit Christian Thielemann, der, wie ich erfuhr, seit diesem Jahr Chefdirigent der Dresdener Semperoper Staatskapelle ist und ausserdem “der große Konservative unter Deutschlands Künstlern: Wagnerianer, Scheitelträger, Preußenfan”. Ich versuchte, die Politik hier erst mal raus zu halten, es ging schliesslich um Kunst, dachte ich, um Kunst, von der ich nicht viel verstand – in einem Konzertsaal mit Dirigent war ich das letzte mal vor 15 Jahren. Ich dachte, ich lass mich einfach mal drauf ein.
Herr Thielemann, der wirklich einen formidablen Scheitel trägt, ist also neu in Dresden. Trotzdem wagt er es, unter Begleitung der Zeit-Redakteure, das dortige “Alternativviertel” Neustadt zu erkunden. Zu dem Termin erscheint er “im Freizeitlook, Jeans und Pulli”. Anfangs gibt es ein wenig Geplänkel zu Wagner, um sogleich auf das schwere Erbe der 68er (Neidkultur) und Thielemanns Begeisterung für einen “NS-nahen Komponisten” zu sprechen zu kommen – mit der Aufführung dessen Werke er sich seinen Ruf erarbeitete. Es ging ja aber nur um die wunderbare Musik. Und zugegeben, nicht nur hier in Düsseldorf wird beispielsweise ein Arno Breker immer noch gewürdigt und prägt das Stadtbild, so what! Der Off-Text ist bisher besser als das Interview selbst: “Autos umtosen ihn, Lkw brummen, die Straßenbahn rattert, das ist das Konzert der Stadt, allein: Thielemann hört es nicht. Ist er in der Neustadt? Nein, in Gedanken. Bei seinem Ärger über die 68er.”
Thielemann, so erfährt man, stammt aus Berlin – genauer aus “einem bürgerlichen Schlachtenseer Haushalt”. Vielleicht kokettiert er da auch ein wenig, wenn ein 1959 geborener in Schlachtensee groß wird und dabei Bratsche und Klavier lernt, würde ich beinahe vom Großbürgertum sprechen, aber sei’s drum. Den Berliner gibt er jedenfalls sehr überzeugend: “Und dann kam ich, so ein Kleener, Mitte zwanzig, und durfte auch! Ich bekam als junger Fritze die Chance, Wagner zu spielen! Dass ich das natürlich dann nicht mehr hergegeben habe, ist Ihnen ja wohl klar!”
Nun ist er aber nicht mehr in Berlin, sondern im Osten. Den kennt er gut, da war er früher oft, schon als Kind, um billig Notenblätter zu kaufen. Und es gefällt ihm hier durchaus:
“ZEIT: Der Osten müsste ein Paradies für Sie sein: Von hier stammen bekanntlich keine 68er.
Thielemann: Ja, die gibt es hier nicht. Das ist schön! Wirklich. Es gibt viele Dinge, deretwegen ich mich hier wohl fühle. Diesen ewigen Protest gegen alles und jeden, den kennt man in diesem Teil Deutschlands nicht. Zum Glück wird aber das ganze Land lockerer im Umgang mit sich selbst. Allmählich gibt es immer mehr Geläuterte, die sagen: Wir wollen nun mal gelassener werden. Wir leben doch in einer guten Zeit. Wir haben tolle Möglichkeiten.”
Gute Zeit, man möchte fast sagen: Gute Güte! Okay, der Mann kommt nicht viel raus aus seiner “Theaterbude”, und wenn er was sieht von der Welt da draussen, dann ist es bloss diese dauernde Neiddebatte. Schön für ihn, dass in seinem Hotelzimmer wenigstens ein “krustiges Brot” wartet, “Mit Butter und großem Salz”, an dem er sich erfreuen kann, oder sein Haus in Babelsberg mit dem preußischen Frühklassizismus – “auch Grafik” – den er so besitzt. Es ist aber auch schwierig mit dem Rauskommen (no pun intended), vor allem in Bayreuth, da wird Herr Thielemann ständig erkannt, in Wien ebenso. Die Berliner sind da schon entspannter, “da kann es Ihnen allenfalls am Hummerstand im KaDeWe passieren, dass Sie einer anspricht”. Welch ein Segen, diese Stadt! Vorsichtshalber, wegen dieser ganzen Plakate mit ihm, hat er sich für den Ausflug in die Dresdener Neustadt entsprechend ausstaffiert: “Das ist ja einer der Gründe, warum ich heute so angezogen bin. Weil mich die Leute in so einer Luder-Kleidung nicht erkennen! Schlabberige Jeans, Ringelpullover – da sagen die sich: Neeee. Wer soll das denn sein.”
Der Hunger kündigt sich an, es muss erst mal was gegessen werden. Bei einem Türken, ist ja klar, das unterstreicht das Exotische dieses fremden Terrains. Die Wartezeit wird mit Nostalgie verkürzt, es geht um den Osten, diesmal den jenseits der Oder:
“Wir sind ja alle um den Osten betrogen worden! Man kam da als Wessi nicht hin. Und die, die im Osten waren, sind auch nicht so viel rumgefahren. Aber jetzt haben wir die Möglichkeit. Sie müssen mal mit dem Auto über die Oder, auf der ehemaligen Straße 1 in Richtung Danzig, irgendwann kommen Sie zum Fluss Nogat in der Nähe von Marienburg. Und mit einem Mal werden die Wolken größer!”
Klar, kennt ja jeder, dieses Naturgesetz, es heisst glaube ich “Steinbach-Regel”: Im Osten werden die Wolken grösser. Und die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln: “Das haben Sie weder in West-, noch in Mitteldeutschland, das haben Sie nur da.” Wäre er zwischen Oder-Neisse-Friedensgrenze und dem Antifaschistischen Schutzwall aufgewachsen, wäre aus Thielemann wohl auch ein Musiker geworden, es sei denn, er hätte seine Klappe nicht halten können, denn: “ich bin ja so ein Frecher. Ich bin ja wirklich frech. Frech mit Stil!” So hört man selten Menschen über sich sprechen, bewundernswert! Diese Wendung kannte ich eher von wohlsituierten Damen im Zwiegespräch mit ihren verzogenen Handtaschenhunden, aber was soll’s – das Essen ist da!
Es schmeckt so gut, dass Thielemanns Nase anfängt zu bluten (der wunderbare Off-Text dazu: “Jetzt hat sich Thielemann in der Neustadt, diesem Rabaukenviertel, eine blutige Nase geholt: Das Essen ist inzwischen da, es schmeckt ihm vorzüglich, aber die scharfen Gewürze hat er unterschätzt: Der Maestro bekommt Nasenbluten.”). Das macht aber nichts, auf Aussehen gibt er sowieso nicht viel, in seinen Worten: “Phänotypen sind mir nicht wichtig.”. Deshalb mag er auch keine Geigenbarbies oder Celloschönlinge. Ähm, okay… Kommen wir lieber zu dem überraschenden Teil, Volksnähe, Bodenständigkeit, das hatten wir noch nicht, nur mit diesem Phänotypengeschwurbel kurz angeschnitten. Also:
Herr Thielemann mag Volksmusik. Er bewundert sie, vor allem deren Protagonisten, die “verdienen sich krumm und krümmlich”, egal ob das jetzt Mary Roos, Howard Carpendale, Helene Fischer oder die Wildecker Herzbuben sind. Natürlich schaut er sich auch die “Feste der Volksmusik” an, manchmal sogar ohne Ton, allein schon wegen des professionellen Interesses. Bei den “Geigenbarbies” hatte er noch das Gefühl, dass die für Softpornos posieren. Andrea Berg hingegen:
“Die macht ja richtig auf verrucht. Da guck ich mir an, wie die sich bewegt. Wie die ins Publikum schaut! Das ist hoch professionell. Da fiebert man richtig mit: Jetzt schaust du in die Kamera, Mädchen, dann in die Kamera daneben, ja, Mensch, toll! Dann legt sie sich was um den Hals, einen Schal vielleicht. Und die Haare, wie reizend sind die gemacht! Herrlich!”
Bodenständig geht es dann auch weiter, schliesslich ist der Maestro Haus- bzw. Villenbesitzer. Da muss man auch schon mal mit anpacken, vor allem wenn die Villa am Griebnitzsee marode und sanierungsbedürftig ist. Aber so ein feinsinniger Künstler, der legt da bestimmt nicht selbst Hand an, oder? “Doch, doch! Ich mache vieles selber! Ich beaufsichtige meinen Heizungsmonteur, den Gärtner, die Putzfrau, ich lasse die nicht rein, wenn ich nicht da bin!” Ah ja, interessant, wieso das denn? “Ich brauche Bodenhaftung. Ich komme nach Hause und bin bodenbehaftet.”
Des Weiteren kämmt Herr Thielemann auch die Teppichfransen selbst, hält den Staubsauger, wenn der Bilderaufhänger kommt und kann sogar seinen Koffer alleine packen. Gut – bei Reparaturen mit den eigenen Händen zu werkeln, das geht dann doch zu weit. Aber immerhin, er kümmert sich “detailliert darum. Ich fahre zu meiner Gemälderestauratorin und zum Rahmenhändler, ich suche mir die Rahmen selbst aus. Es geht mir um das normale Leben – das ist ja das, was der Künstler oft nicht hat.”
Da sind wir erleichtert: Dem Stardirigenten geht es um das normale Leben: Krustenbrot, Mettwurst, Himbeerjoghurt. Puh! Er kennt sie also, die Welt der Normalos, er taucht gerne mal darin ein:
ZEIT: Was tun Sie gerne in der Welt der Normalos?
Thielemann: Na, ganz normalo. Keine Musik. Ich komme ohne Musik aus. Ich studiere morgens etwa zwei Stunden, und dann bin ich in der Welt der Normalos. Mit der Putzfrau. Mit dem Gärtner. Aber ohne Musik, wie gesagt.
Nun denn, gerne würde ich jetzt noch weiter darüber elaborieren, was mich dieses “Feuilletonereignis des Jahres” gelehrt hat: Über das Feuilleton an sich, über die Parallelgesellschaft des Kunst- und Kulturbetriebs, über Wagner und Krustenbrot. Vielleicht könnte ich dabei sogar einen Vergleich anstellen: Darüber, dass dieses Interview ebenso wert- und gehaltvoll ist wie jenes mit Felix Baumgartner. Doch mein Normaloleben ruft, Sie wissen schon: Gärtner und Putzfrau müssen beaufsichtigt werden. Und wenn ich dann noch Zeit habe, dann werde ich mir bestimmt das andere vierseitige Interview mit Herrn Thielemann durchlesen, das Die Zeit innerhalb von gut zwei Monaten mit ihm führte. Da geht es dann um Bayreuth und Hakenkreuztätowierungen. Yummy.
Steinbrück: Ab September 2013 wieder buchbar
Peer Steinbrück ist zweifelsohne einer der am meisten nachgefragten Redner auf deutschen Bühnen und Podien, selbst in der Schweiz, in Österreich und in England schätzt man sein Talent. Nach Spekulationen über einen kompletten Abschied aus der Vortragsbranche gab er jetzt in einem Interview mit der ARD bekannt, seine professionelle Rednerkarriere lediglich bis September 2013 zu unterbrechen. Danach steht er seiner Agentur wieder zu 100 Prozent zur Verfügung.
Als Grund für diesen überraschenden Schritt gibt er an, sich breiter aufstellen zu wollen: Vielfach wurde die monothematische Ausrichtung seiner Vorträge kritisiert, oft beschränkte er sich zu sehr auf die Finanz- und Wirtschaftspolitik, wie Rhetorikanalysten herausfanden. Um seinen Spitzenplatz unter den deutschen Vortragskünstlern behaupten zu können, wolle er sein Themenspektrum erweitern, künftig werde er sich auch vermehrt mit Sozialpolitik beschäftigen, so Steinbrück.
Für die nächsten neun Monate hat Steinbrücks Agentur ihn bei der SPD untergebracht. Die Coaching-Spezialisten verhalfen in der Vergangenheit auch schon anderen Spitzenkräften zu einem Karrieresprung. Davon profitierten unter anderem so bekannte Manager und Redner wie Gerhard Schröder, Wolfgang Clement, Werner Müller oder Walter Riester – sogar einst als hoffnungslos abgetane Fälle wie Hans Eichel konnten erfolgreich in Aufsichtsräten repositioniert werden.
Im Fall von Peer Steinbrück hat sich die SPD für das Trainingsprogramm “Bundestagswahlkampf” entschieden. Das gilt als bewährt und wird schon seit Jahrzehnten praktiziert. Der besondere Clou dabei ist – neben dem nicht zu unterschätzenden psychischen und auch physischen Dauerstress, der ganz bewusst aufgebaut wird – die Vielfältigkeit des Testpublikums. Auf Marktplätzen und in Festsälen in ganz Deutschland muss Steinbrück Probereden zu den unterschiedlichsten Themen halten, wobei ihm die Zusammensetzung und Herkunft des Auditoriums vorher nicht bekannt ist. Aus gut informierten Kreisen wird kolportiert, dass bei einigen Auftritten sogar Konfrontationssequenzen mit dem Publikum eingeplant sind.
Ein weiteres Element, das früher zum Standard des Trainingsprogramms “Bundestagswahlkampf” gehörte, aber seit vielen Jahren nicht mehr genutzt wird, soll auch wieder zum Einsatz kommen: Der Hausbesuch. Die SPD-Coaches sehen in dem Rückgriff auf diese Methode aus den 50er Jahren eine Chance: “Was alt ist, muss nicht schlecht sein” meint ein Spitzenberater, der ungenannt bleiben will. Schliesslich feiert man seit Jahren auch international große Erfolge mit den Auftritten von Helmut Schmidt, der ja ebenfalls sehr traditionell vorgeht. Die Hausbesuche sollen Steinbrück in direkten One-to-One-Situationen schulen – bei persönlichen Ansprachen und Emotionalität ist seine Performance ausbaufähig, zu oft fällt er hier auf Primaner-Niveau zurück, so Kritiker.
Die Experten im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Zentrale im Herzen Berlins, sind sich aber sicher, dass spätestens im Herbst nächsten Jahres das Training beendet sein wird. Sie gehen nicht davon aus, dass Steinbrück noch weitere Programme nachschieben muss, das Anschluss-Modul “Kanzlerschaft” wird derzeit ausgeschlossen. So können sich Unternehmensvorstände und Zeitschriftenverlage für die Planung ihrer Jahresabschlussveranstaltungen und Dining Parties sicher sein, dass Peer Steinbrück pünktlich ab Ende September 2013 wieder zur Verfügung stehen wird. Durch das absolvierte Coaching besser als je zuvor – und natürlich auch ein paar tausend Euro teurer als bisher, doch diese Investition lohnt sich allemal.

