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…nein, danke!

27. Januar 2012
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Einst lebte ich in einem furchtbaren Staat. Er verübte und vertuschte politische Morde. Er überwachte seine Bürger massenhaft. Er wusste immer am besten, was gut für uns, für das Allgemeinwohl und überhaupt, was gut war – manche nannten ihn deshalb Fürsorgediktatur.

Dann kam die Revolution.

Der Staat, in dem ich jetzt lebe, ist da ganz anders. Er verübt und vertuscht politische Morde. Er überwacht seine Bürger massenhaft. Er weiss immer am besten, was gut für uns, für das Allgemeinwohl und überhaupt, was gut ist. Aber immerhin trägt er im Namen nicht den irreführenden Hinweis „demokratisch“.

[Ja, ich weiss, total unzuverlässiger Vergleich. Blablabla. Falls sich jemand darüber aufregen möchte: Bitteschön. Ich versuche lieber, mich und mein Verhalten so zu ändern, das wegen mir nicht irgendwo Menschen sterben müssen, weil sie für meinen Wohlstand schuften, unter unbeschreiblichen Bedingungen. Der - mein Wohlstand - ist übrigens auch nur ein Witz, die Reserven sind weg und ich nächste Woche wohl auf dem Amt, oder ich such mir eine Stelle in der boomenden Zeitarbeitsbranche, gibt's jetzt ja auch für Studis. Achso - die Links oben sind aus Faulheitsgründen aus einem einzigen  Fefe-Post übernommen, ...du bist so wunderbar, Berlin... dichtete einst ein Freund von mir, und machte mit dem Geld, das er dafür bekam, eine Tapas-Bar auf.]

Abwesenheitsrechtfertigungsnotiz

16. Januar 2012

Irgendwie häng ich noch im letzten Jahr fest. Andererseits gab es in diesem auch schon ein paar wenige, erfreuliche Sachen. Aber eins nach dem anderen.

Wie schon an anderer Stelle angeklungen ist, verbrachte ich die Zeit, in der hier Weihnachten und der Jahreswechsel gefeiert wurden, im sogenannten Heiligen Land, wo man sich gewohnheitsmäßig mit ganz und gar unheiligen Sachen rumschlägt. Mit Besenstielen zum Beispiel, und zwar in einer Kirche. Oder mit orthodox verordneter und liberalerweise energisch und massiv bekämpfter Geschlechtertrennung. Oder mit den auseinanderbröckelnden, ehemals so schön stabilen und verlässlichen Diktaturen rundherum. Aber Politik beiseite, dafür reicht weder das Internet und schon gar nicht mein kleines Blog hier, um diese Thematik in der gebotenen Differenzierung zu betrachten.

Nur soviel: Ich hätte Schlimmeres erwartet seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren, als alles noch geordnet und durch fest im Sattel sitzende Demokratieverächter abgesichert war. Nun mag sich vielleicht mancher fragen, was ich denn ausgerechnet dort zu suchen hatte, ob das gar eine Sympathiebekundung aus antideutscher Motivation heraus war, die mir ja auch schon lächerlicherweise unterstellt wurde.

Nein, es war primär einfach ein  stinknormaler Urlaub, was in diesem Land übrigens wunderbar geht, gerade als Bildungsbürgerreise sehr zu empfehlen. Es galt einen Kompromiss zu finden aus halbwegs gutem Wetter, kulturellem Klugscheisserzeitvertreib und erträglicher Flugdauer. Wäre Tel Aviv in Europa, hätten es Berlin und Amsterdam sehr schwer, ihre Top-Platzierung bei meinen europäischen Lieblingsstädten zu behaupten, ich mag diese Stadt wirklich sehr. Und erst ganz zuletzt steht hier auf der Begründungsliste die familiäre Bindung, denn beschämenderweise muss ich sagen, dass es diesmal nicht mal zu dem halbstündigen Anstandsbesuch kam, aus Gründen.

Ein letztes Wort noch, auch zur unvermeidlichen Politik: Ich bin leicht optimistisch, ganz ganz leicht. Was aber viel zu heissen hat in dieser verfahrenen Lage. Es stehen zwar keine Zelte mehr auf dem Rothschildt-Boulevard, aber die  Zivilgesellschaft scheint nicht aufgeben zu wollen, weder gegenüber der albernen Feminophobiker-Fraktion aus dem ultraorthodoxen Lager, noch beim alltäglichen Rassismus gegen Äthiopier, noch bei Sozialkürzungen und Militärbudgeterhöhungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Das lässt vielleicht darauf hoffen, dass die nächste Regierung aus klügeren Leuten besteht – ich weiss, ich bin ein unverbesserlicher naiver Optimist.

Aber klar, Israel ist böse und von Apartheid durchtränkt und baut Mauern,vielleicht ist es ja sogar ein faschistisches Regime,  sagt man hierzulande oft und gerne. Hier, wo weiter alles getan wird, um eine Mauer durchs Mittelmeer zu ziehen, Randgruppen abzudrängen und die Demokratiereste marktkonform zu gestalten. Ach, was reg ich mich auf. Das macht doch die Öffentlichkeit in Form von Presse und Politik schon genug, und zwar über so ein lächerliches Thema wie den fehlenden (im Sinne von neudeutsch „failenden“) Bundespräsidenten.

DAS ist natürlich wirklich wichtig und muss wochenlang auf den ersten Seiten aller Zeitungen stehen, klar. So lassen sich die Waffen auch viel besser verkaufen, die Nazis sich viel besser decken und der Sozialstaatsabbau sich viel besser vorantreiben. Da kann man dann sogar frech solche Plakate aufhängen wie „Noch nie waren so viele Menschen in Arbeit“ – darauf soll man auch noch stolz sein, vermutlich. Ich finde ja, andersrum würde ein Schuh draus werden, aber Schuhe werden die auch bald nicht mehr haben, sondern so wie früher Lumpen um die gefrorenen Füsse – diejenigen, denen man jetzt auch schon wieder an ihren schlechten Zähnen ansieht, wie es um sie steht.

Da verharre ich lieber noch etwas in meiner Flucht aus dem Alltag, hat sich ja doch nichts geändert. So tat ich etwas, was ich erschreckenderweise schon lange Zeit kaum mehr tat: aus reinster Muße lesen. Keinen Osterhammel, keinen Dörre, keine politologischen oder Historiker-Zeitschriften/Blogs/Rezensionen. Sondern wirklich und wahrhaftig Schöngeistiges. Romane, gleich zwei an der Zahl, die ich mir zu Weihnachten wünschte, bekam und vorhatte einfach mal für später ins Regal zu stellen.

Trotzdem nahm ich vorsorglich das kleinere der beiden Bücher mit auf Reisen. Und bei den langen Bus- und Zugfahrten durch Wüste, Berge und an der Küste entlang begann ich wirklich, mich festzulesen. Ein Roman, der  - wie sich dabei herausstellte – zu Recht in den Feuilletons des letzten Jahres viel gelobt wurde, trotzdem aber noch in der ersten Auflage von 2005 zu haben ist (ganz im Gegensatz zu dem zweiten Buch, aber dazu später): Das Geschäftsjahr 1968/69 von Bernd Cailloux.

Zuerst überzeugt daran der für ein Suhrkamp-Buch ungewöhnliche und sehr passende Umschlag. Dann natürlich der Inhalt, eine gut zu lesende Beschreibung einer utopischen Zeit, die doch nur in der Erinnerung, im Mythos utopisch ist. In Wahrheit nämlich zeigte sich schnell die hässliche Fratze der Realität – Sex, Drugs und Rock ‘n’ Roll heisst eben auch Hepatitis, verratene Freundschaften und Scheitern, was Cailloux hier sehr schön darlegt. Das Buch erinnerte mich stark an Mr.Nice, den ich mir auch mal wieder durchlesen sollte.

Klar, es ist ein Roman und Fiktion, aber der Realitätsbezug ist doch deutlich zu erkennen, einige Namen nur unzureichend verschleiert. Der autobiographische Aspekt ist es dann auch, der hier – im Gegensatz zum zweiten Buch – keine wirklich große Erzählkunst aufkommen lässt. Lesenswert, sehr zu empfehlen, gut geschrieben, originell – ja, aber Das Geschäftsjahr 1968/69 ist trotz allem so, wie mir sein Verfasser, ohne dass ich ihn kenne, auch vorkommt: etwas spröde. Das macht es dann aber auch wieder passend und glaubwürdig.

Dieses Büchlein las ich also in kleinen Happen verteilt über den Urlaub, die letzten paar Seiten als ich schon wieder zurück war im Berliner Winter, der nicht mehr als ein mieser Herbst ist, bisher. Der zweite Roman lag noch in der Weihnachtsgeschenktüte, eingeschweisst und mit seinen knapp 800 Seiten drohend. Ein Roman, der seiner Gattungsdefinition gerecht wurde, folgt man Prof. Kemper, der mal sagte, der Unterschied zwischen einer Novelle und einem Roman ist, dass es weh tut, wenn einem letzterer auf den Fuss fällt.

Auch dieses Buch wurde in den Feuilletons des letzten Jahres hochgeschrieben, und zwar weltweit. Das führte im Gegensatz zum eben besprochenen zu einer Platzierung in sämtlichen Topseller-Listen, so dass im Erscheinungsjahr 2011 schon die elfte Auflage gedruckt wurde, wie die Innenseite verrät. Jeder stirbt für sich allein – das ist der Titel, für den sich Hans Fallada nach mehreren anderen Ideen entschied. Sein letzter Roman und seit langer Zeit mal wieder ein echter Fallada, wie er selbst meinte.

Schon vor gut und gerne zehn Jahren entdeckte ich Fallada das erste mal wieder, jenseits der Schullektüre und dem üblichen Allgemeinwissen literaturbegeisterter Jugendlicher, die sich seit jeher für gescheiterte Existenzen mit Drogenproblemen interessieren. Damals war es Bauern, Bonzen und Bomben, welches mich gleich eine alte DDR-Fallada-Biographie verschlingen liess und zusammen mit dieser zu dem Entschluss führte, unbedingt mehr von dem als Rudolf Ditzen geborenen Kammergerichtsratssohn und Morphiumjunkie lesen zu müssen. Daraus wurde aber nichts, ich verpasste sogar die nur gut zwei Jahre später neu erschienene Biographie.

Jetzt also die Geschichte der Quangels, ein älteres Ehepaar, kleine Leute wie so oft bei Fallada, die schicksalsergeben ihren von vornherein aussichtslosen Kampf gegen den übermächtigen Führer aufnehmen, der bis zum Heldentod  ihres einzigen Sohnes auch ihr Führer war. Und ein wunderbar beschriebenes Panoptikum des 30er/40er-Jahre-Berlins, was laut Kritik auch ein Grund für den weltweiten Erfolg der Neuausgabe ist. In zweieinhalb Tagen waren die 800 Seiten ausgelesen, und wie immer nach einem guten Buch schwankte ich zwischen einem Zurückgelassensein in der Leere und der Begeisterung über das zuvor Gelesene.

Da ist es auch egal, ob ich durch den Hinweis einer kürzlich abbestellten Wochenzeitung auf dieses Buch kam, egal, ob es in öffentlich-rechtlichen Literaturmagazinen bejubelt wird und per Empfehlung von Buchclubs massenweise an Mittelstandshausfrauen mit überschüssiger  Nachmittagsfreizeit ausgeliefert wird. Fallada verdient jeden Leser, den er bekommen kann, denn er hatte keine Dünkel, er machte sich nicht besser, ihm war bewusst wie wichtig all die, auf die andere gerne hinabsehen, waren, er wusste, wie beschissen er selbst eigentlich dran war.

Deswegen weigerte er sich auch zuerst, dieses Thema zu bearbeiten. Schliesslich war er kein Widerständler, sondern ins Schneckenhaus der inneren Emigration gezogen, das er mit dem Nebel des Rauschs auskleidete und ansonsten einfach darin verharrte. Er fand es nicht angemessen, jetzt – noch dazu im Auftrag der Umerzieher – auf die Möglichkeit des richtigen Verhaltens in einer Diktatur hinzuweisen. Und schrieb dann doch dieses wunderbare Buch. In gerade mal vier Wochen. Ich hab mir jetzt erst mal die neue Biografie bestellt, die Zeit bis zur Auslieferung überbrücke ich mit der Rum Diary und ansonsten verkrieche ich mich wieder ehrfurchtsvoll in meinem Schneckenhaus.

Auf ein Neues

2. Januar 2012

 

Auf dieser Seite war es nur so still, weil ich mal wieder in einer meiner Lieblingsstädte war, obwohl ich es mir gar nicht leisten kann. Dafür, dass der gregorianische Jahreswechsel hier eigentlich gar nicht gefeiert wird, wurde er ziemlich heftig gefeiert, aber man konnte ihm trotz alledem ganz gut entkommen. Dem Rückflug morgen Nacht leider nicht.

Und dann warten da auch noch – neben den angehäuften Geldsorgen – wortwörtlich tausend Artikel in meinem Feedreader. Das kann also dauern, bis ich wieder einigermassen geschäftsfähig bin, also ein wenig Geduld noch, es darf ruhig auch etwas mehr sein. Derweil versuche ich mich langsam und sanft von der Stadt mit dem grössten Katzencontent, den ich kenne, zu verabschieden und wieder auf mitteleuropäische Verhältnisse einzustellen. Wäre ja auch zu schön, weiterhin mit Wetter, Menschen, Lage und Lektüre einfach nur glücklich zu sein.

Warum wir alle Nazis sein könnten – und was dagegen zu tun wäre

16. Dezember 2011

Einige sehr persönliche Anmerkungen anlässlich der aktuellen Diskussion um Nazis, NSU und ein NPD-Verbot

Ich bin Mitte der 1990er Jahre aus der nordostdeutschen Provinz nach Berlin gezogen. Eigene Wohnung, eigenes Leben, vibrierende, unfertige Grossstadt – das bedeutete für mich hauptsächlich eins: Freiheit. Vor allem auch die Freiheit, nachts nach einem Kneipenbesuch alleine sicher nach Hause torkeln zu können, ohne sich dauernd panisch umzuschauen und bei entgegenkommenden Menschengruppen auf die andere Strassenseite oder in irgendwelche Seitenstrassen ausweichen zu müssen. Klar, auch in Berlin gab es damals Nazis, und wirklich sicher ist man nie, aber im Gegensatz zum heutigen Berlin waren die faschistischen Schläger noch weniger sichtbar – und nach Hellersdorf und Hohenschönhausen fuhr man einfach nicht.

In Stralsund war das anders. Die Stadt ist nicht sehr gross, man läuft sich dort zwangsläufig über den Weg. Für langhaarige Nachwuchslinke gab es zwar zwei, drei sichere Kneipen, aber für eine akzeptable alternative und sichere Disco mussten wir in die Universitätsstadt Greifswald fahren.

Trotzdem hatten wir regelmässig mit Pöbeleien und Brandanschlägen auf „unsere“ Jugendclubs zu kämpfen. Eine gewisse Zeit lang mussten wir uns auch immer mal wieder zusammenschlagen lassen – wir waren kein auf Krawall gebürsteter Schwarzer Block, unsere zahlenmässige und körperliche Unterlegenheit war uns sehr wohl bewusst. Wir provozierten lediglich mit dem „falschen“ Aussehen und der „falschen“ politischen Einstellung.

Bei einer der grösseren Schlägereien, zu der wir sowohl mehrere Unterstützer als auch die Polizei beordern konnten (mit einem der ersten Mobiltelefone, der legendäre Motorola-Knochen, aber das ist eine andere Geschichte), kam von der Streifenwagenbesatzung nur das leidige und viel zu oft verwendete Argument „Ach ihr haut euch doch bloss untereinander, bestimmt wegen irgendwelchen Frauengeschichten“ – dann kurbelten sie schnell das Fenster hoch und machten sich aus dem Staub.

Erst nachdem wir konsequent jeden Angriff zur Anzeige brachten und einige der Nazis dadurch ihre Bewährung aufs Spiel setzten, fand zumindest die physische Gewalt ein Ende.  Die Stadt war klein, wie gesagt, und die Schläger kannten wir teilweise seit Kindertagen.

Meine dunkle Vergangenheit

Aber nicht nur das. Zur Wahrheit gehört auch, dass ich ein paar Jahre davor – ungefähr mit 13, 14 Jahren – selbst in einer rechten Clique war: Ja, ich war ein kleiner Nachwuchsnazi. Vieles aus meiner Jugend konnte ich erfolgreich verdrängen, das allerdings nicht. Ich habe in dieser Zeit nie selbst Gewalt angewendet, soweit ich mich erinnere auch kein anderer von den Leuten, mit denen ich mich umgab. Eigentlich ging es nur ums Saufen, von zu Hause wegsein, Störkraft und die Böhsen Onkelz hören und Leute schocken. Konkret handelt es sich um den Zeitraum zwischen dem Mauerfall und Hoyerswerda, es war ein schleichender Prozess, den ich mir inzwischen ganz gut erklären kann.

Meine Eltern arbeiteten in den letzten Jahren der DDR für ein paar Jahre im Ausland. Ich war schulpflichtig und somit zu alt um sie begleiten zu dürfen (so die offizielle Version – oder es war eine Stasi-Unterpfand-Geschichte, wer weiss…) und lebte bei Verwandten in der Lausitz. Das hatte  auch seine guten Seiten: Ich durfte die kompletten Sommerferien in den sonnigen Süden, dort gab es Obst, von dem man in der DDR nicht mal träumte (Nektarinen!), Comics, Westautos und lauter bunte Fische, Seesterne und Seeigel beim Tauchen. Aber meine Eltern sah ich halt nur im Sommer und zu Weihnachten, da hatten sie ein paar Wochen Heimaturlaub.

Als ich 1989 nach den großen Ferien wieder zurück kam, fing mein damaliger bester Freund, der zwei Jahre älter und unglaublich stark war, mit dem Deutschland-Gequatsche an. Sein Elternhaus war richtig zerrüttet, so dass er machen und sagen konnte, was er wollte, es kümmerte niemanden. Für mich war er eine Art grosser Bruder, und irgendwann begannen seine Worte langsam in mir zu wirken. Davor war ich ein vorbildlich sozialistisch sozialisiertes DDR-Kind: stolzer Thälmannpionier, stellvertretener Gruppenratsvorsitzender, Wandzeitungsredakteur und Agitator, ich freute mich schon sehr auf die FDJ. Faschismus – soviel war klar – gab es nur jenseits der Mauer, da allerdings zuhauf.

Und aufeinmal brach der Staat, mit dem ich mich so sehr identifizierte, zusammen – und die Ehe meiner Eltern auseinander. Das einzige, was wir noch gemeinsam machten, war wieder zurück nach Stralsund zu ziehen, was für mich bedeutete, nicht nur meine Familie, sondern auch meine Freunde – speziell den einen – zu verlieren. Der dann übrigens nicht viel später mittels eines schicken Westautos sein Leben an einem Brandenburger Alleebaum verlor, wie einige andere meiner Mitschüler auch. All das führte zu einer veritablen Klatsche, von der ich immer noch ganz gut zehre. Damals versuchte ich wohl, irgendeine Stabilität dadurch zu gewinnen, dass ich mich an dem orientiere, was mir mein verlorener Freund mit auf den Weg gab. Ich suchte mir einen dementsprechenden neuen Freundeskreis, was zu dieser Zeit an diesem Ort im Übrigen auch nicht sehr schwer war.

Wie gesagt, es war ein schleichender Prozess: Zuerst ging es nur darum, möglichst viel Alkohol zu konsumieren, dann kamen die ersten Kassetten mit entsprechender Musik, wahrscheinlich von irgendwelchen großen Brüdern. Über diese Texte wurden Phrasen transportiert, die wir nachplapperten und uns wer weiss wie rebellisch fanden. Meine Mutter war verzweifelt, noch mehr als sowieso schon, ich beschränkte den Kontakt zu ihr auf ein Minimum und trieb mich rum.

Eines Tages kam jemand mit DVU-Broschüren und diversen VHS-Bändern mit einschlägigen Inhalten. Zum Glück interessierte ich mich nicht für Fussball, keiner von uns eigentlich, wenn ich mich recht erinnere. Ansonsten wären wir vermutlich sehr schnell bei den Hansa-Hools gelandet. Ein weiterer Glücksfall für mich war der Wechsel auf eine andere Schule, es gab jetzt schliesslich Gymnasien und keine Polytechnischen Oberschulen mehr, auf die alle bis zur zehnten Klasse gingen. So lernte ich neue Leute kennen, aber auch dort gab es durchaus eine weit verbreitete Aktzeptanz rechten Gedankenguts.

Meine Bekehrung

Doch es gab dort auch einige wenige wunderbare Lehrer und ausserschulische AGs. Ich setzte meine Wandzeitungsredakteurskarriere fort, jetzt bei der Schülerzeitung. Während sich einige meiner Freunde angesichts des in Hoyerswerda wütenden Mobs begeisterten, kamen  mir ernsthafte Zweifel. Schliesslich wohnte ich als kleines Kind zusammen mit meiner Mutter in einem Studentenwohnheim, und meine besten Freunde dort waren sehr nette afrikanische Freiheitskämpfer, die in der DDR Revolution studierten. Ausserdem – ich war inzwischen 14 – waren die Mädchen an dem Gymnasium, die mich interessierten, eher in der linken Ecke verortet. Sie gingen in der Pause immer in ein obskures Cafe mit lauter Punks und komischen Gerüchen.

Meine alten Freunde fingen an, sich die Köpfe zu rasieren und zu den ersten DVU-, REP- und FAP-Schulungsveranstaltungen zu fahren. Ich hingegen liess meine Haare wachsen, färbte die Springerstiefel blau, fuhr zu Jugendpresseseminaren und war kaum noch für die Nazis zu sprechen. Erst war es eine stille Abkehr, doch spätestens mit dem Pogrom von Lichtenhagen wurde ein offener Konflikt daraus, der sich dann über die Jahre fortsetzte.

Mit der Schülerzeitung machten wir eine Art Info-Gegenveranstaltung in dem Cafe mit den seltsamen Gerüchen (für einen Protest vor Ort hatten wir nicht den Mumm), während meine alten Freunde tatsächlich begeistert und durch intensive Schulung aufgeputscht dort hin fuhren und wer weiss was anstellten. Später erfuhr ich in Berlin aus erster Hand, was in und um die Plattenbauten passierte: Ein inzwischen guter Freund begleitete die Bewohner des Sonnenblumenhauses auf der Flucht vor den Flammen bis unters Dach in purer Todesangst. Ihm legte ich meine erste Beichte ab in meinem neuen Berliner Leben, nachdem sich mein umgedrehter Magen wieder beruhigt hatte. Mittlerweile war ich 15 und an meiner Kinderzimmerwand hingen Edelweisspiraten-Poster. Ich hatte Glück gehabt und gerade nochmal so die Kurve gekriegt.

Veränderungen

So war mein Wegzug auch eine Flucht. Sicher, in Stralsund hätte ich sowieso nicht studieren können, aber auch meine Besuche wurden immer seltener. Die meisten aus meinem Freundeskreis zogen genau wie ich nach Abi und Zivildienst sowieso weg, wenn nicht Richtung Berlin, dann halt nach Hamburg oder richtig tief in den Westen. Kaum einer entschied sich für Rostock oder Greifswald, die Gründe lagen auf der Hand.

Stralsund aber veränderte sich: neue Ortsumgehungen und eine schicke Brücke Richtung Rügen wurden gebaut, die UNESCO erhob die Altstadt zum Weltkulturerbe, das berühmte Meeresmuseum zog in einen avantgardistischen Neubau am Hafen und die CDU-Wahlkreiskandidatin schaffte es bis ins Kanzleramt. Das gelang dem NPD-Kandidaten, der übrigens mit der Stadt genausowenig zu schaffen hatte wie Angela Merkel, nicht ganz. Aufgrund seiner terroristischen Vergangenheit und Prominenz zog die Stadt jedoch erstmals bundesweite Aufmerksamkeit in dieser Sache auf sich.

Ganz anders als knappe fünf Jahre vorher, als ich ein Nazi war, sah die Lage inzwischen komplett verändert aus. Die Überfälle wurden weniger, was nicht nur an möglichen Strafen lag oder daran, dass die Schläger gerade ebendiese hinter Gittern verbrachten. Die Szene hatte sich auch umstrukturiert: Von DVU und REPs war nicht mehr die Rede, viel zu bürgerlich und von Millionären gesteuert. Die FAP war zwar verboten, aber ihre Kader bauten munter weiter straffe Kameradschaften auf, die eng an die NPD angebunden waren. So konnte zwar von hier aus lange Zeit unbehelligt das wichtigste Nazi-Portal betrieben werden, nach aussen gaben sich die Faschisten allerdings als Biedermänner und veranstalten bis heute sehr erfolgreiche Kinderfeste.

Das Fatale daran war, dass es für die Öffentlichkeit und Lokalpolitik keine Naziproblematik (mehr) gab. Was natürlich Quatsch ist. Dahinter steckte eine ausgeklügelte Strategie, die scheinbar aufgegangen ist. Soweit, dass sich unbehelligt eine Terrororganisation bilden konnte, die im Übrigen in Stralsund gleich zwei ihrer Banküberfälle (auf die gleiche Sparkassenfiliale) durchführte, im November 2006 und Januar 2007. Mich würde nicht wundern, wenn sie in der Zwischenzeit nicht zurück in den Süden gefahren, sondern einfach in Stralsund untergetaucht sind.  Bönhardt, Mundlos und Zschäpe  – alle aus meiner Generation – konnten hier garantiert auf gut funktionierende Strukturen zurückgreifen.

Die Moral von der Geschicht’

Erfahrung macht klug, sagte meine Oma immer. Und aus meinen persönlichen Erfahrungen inmitten und gegen die Nazis konnte ich so einiges lernen. Kurzum: Niemand wird als Nazi geboren. Doch Kinder und Jugendliche lassen sich wunderbar indoktrinieren, ohne gross kritische Fragen zu stellen, das ist meine persönliche Lehre – sowohl bei den DDR-Jugendorganisationen als auch bei den Nazis.

Es geht um Zugehörigkeit, Anerkennung und Identifikation. Und es braucht engagierte Menschen, die genau das jenseits von faschistischen Ideologien oder staatlich verordnetem Politunterricht vermitteln. Sowohl Schule als auch Eltern sind hier meistens die falschen Ansprechpartner. In letzter Zeit wird dafür vermehrt auch jeseits der Wissenschaft der Begriff Zivilgesellschaft verwendet. Ich hatte Glück. Meine Vergangenheit hat mich zu dem Entschluss gebracht, nie wieder einer Gruppe angehören zu wollen und stattdessen immer zweifelnd den eigenen Kopf zu gebrauchen. Ich kann aber auch sehr gut nachvollziehen, wie junge Menschen in dem braunen Sumpf stecken bleiben können und im Extremfall eben auch zu Terroristen werden. Die Geschichte ist voll damit.

Wie schon an vielen Stellen bemerkt schafft hier weder ein NPD-Verbot noch ein perfekt funktionierender Verfassungsschutz Abhilfe. Solange die Nazis die Lücken besetzen, Kinderfeste veranstalten, Einkaufsbeutel die Treppen hochtragen, Hartz IV-Bescheide ausfüllen, Jugendclubs führen oder sonst wie reizvoller für die Jugend sind als Demokratie und Menschenwürde, solange wird sich nichts ändern. Es gibt unzählige hart arbeitende und täglich Bedrohungen ausgesetzte Menschen, die in der ländlichen Provinz versuchen, Jugendliche vom rechten Weg abzubringen. Wenn aber deren Arbeit nicht gewürdigt wird, und zwar ständig, offensiv und öffentlich, dann wird sich nichts ändern.

Wenn Menschen nicht das Gefühl haben, wichtig, akzeptiert, gebraucht und anerkannt zu werden von diesem Staat – also dazuzugehören – dann ist es kein Wunder, dass sie sich irgendwann gegen ihn wenden. Das gilt im übrigen nicht nur für Nazikinder, sondern ebenso für diejenigen mit dem sogenannten Migrationshintergrund.

Update 19.12.2011: Jana Hensel hat sich beim Freitag Gedanken gemacht, die in eine ähnliche Richtung gehen, eine Reaktion darauf von den Ruhrbaronen (bzw. publikative.org).

Update 21.12.2011: Eigentlich sollte das hier keine never ending story werden, aber weil es so gut ist und in die gleiche Kerbe haut, hier der Link zu einem Interview mit dem Filmemacher Thomas Heise („Stau“-Trilogie) in der taz.

Er fehlt einfach…

5. Dezember 2011

…und zu viele von den Guten sind ihm in letzter Zeit gefolgt. In Anlehnung an ad sinistrams Rubrik „sit venia verbo“ hier ein Zitat von Christoph Schlingensief aus dem Jahr 2004 zu seinem Film „Terror 2000“ von 1992 – entnommen dem Interviewfilm von Frieder Schlaich. Vor nicht ganz zehn Jahren gesagt, über eine Zeit zehn Jahre davor. On and on and on it goes…

„Gerade jetzt in Deutschland könnte man – nach 1993 sind ja zehn Jahre vergangen fast mit ‚Terror 2000‘ – da könnte man wirklich beweisen: es hat sich seitdem in Deutschland nichts geändert. Es hat sich partout nichts geändert: Die Neonazis sind immer noch da, der Innenminister ist immer noch so bescheuert wie damals, die ganze Bagage, die sich da Verfassungsschutz nennt, oder Staatsorgane, oder was weiss ich, sind alle korrupt und sind noch korrupter denn je. Es hat sich nichts geändert!“

Mehr Kommentar braucht die aktuelle Situation doch eigentlich nicht. Ausser vielleicht noch das, aus dem gleichen Interview: „Deutschland legt nur noch Kränze nieder. [...] Wenn man keinen Kranz niederlegen kann, dann sind wir nicht mehr Deutschland.“

Abnehmendes Licht

1. Dezember 2011

Nichts geschafft, nichts geschrieben, nichts geschafft. Und draussen alles voller Trümmer, deren Rauch immer noch einen klaren Blick auf die Dinge verunmöglicht. Sicher ist nur, das nichts mehr sicher ist. Demokratie ist nicht so wichtig wie ein Kursfeuerwerk, und die, die sie angeblich verteidigen wollten, streiten sich lieber über Geheimgesellschaften und hohle Welten mit verborgenen chemischen Kampfstoffen am Himmel.

Es ist so schwer zu begreifen, dass man sich Sisyphos eigentlich als einen glücklichen Menschen vorstellen sollte. Nicht theoretisch, da kann man das sogar nachvollziehen, aber wenn du erst mal praktisch in der Situation bist… Immer wieder und wieder zu erkennen, dass es einfach zu viele Ignoranten und Idioten gibt. Und dann trotzdem bei jeder kleinsten Verbesserung erneut Hoffnung schöpfen. Andererseits machen sie es ja genau richtig, wenn du diese Widersprüche um dich rum nicht ausblendest, wirst du doch verrückt, also noch mehr. Des einen Menschenschinder Tod wird bejubelt, der andere wird hofiert, weil man ohne die Arbeit seines versklavten Volkes wortwörtlich nackt und ohne den ganzen billigen technischen Schnickschnack dastehen würde.

Wenigstens gelesen hab ich, das kann manchmal ersatzglücklich machen. Ich hatte mir zwar etwas mehr erhofft vom diesjährigen Buchpreisbuch, aber die Atmosphäre stimmte, gerade bei dem Wetter, und an den besten Stellen merkte man dem Film im Kopf an, dass da ein ziemlich guter Dramaturg am Werke ist. Und dann eben noch so Halbsätze wie: „Küchenkrepp, die Erfindung deretwegen sich die Wende gelohnt hatte“.

Auf der anderen Seite aber wieder ein Tiefschlag nach dem anderen, ständig hoffen, die Tage zählen bis der Flug geht und darauf vertrauen, dass der Krieg erst anfängt, wenn der erste Urlaub seit zwei Jahren möglichst warm, sonnig und entspannt verbracht wurde. Die, wegen denen man da auch hinfährt, sind ja eh kriegserfahren, und zwar sowas von… Da regt man sich auch gleich weniger auf, wenn man beim Stellenanzeigen-Durchblättern darauf stösst, dass das Auswärtige Amt zwar ein tolles Programm für junge Diplomaten hat, das aber auch nur zusammen mit der BMW-Stiftung stemmen kann und seinen studentischen Hilfskräften deshalb lediglich 300 Euro monatliches „Honorar“ (klingt verdächtig nach „wir sparen uns mal sämtliche Sozialabgaben“) für zehn Wochenstunden zahlt. Immerhin hat die Deutsche Bundesbank erkannt, dass es an der Zeit ist, sich verstärkt mit Bankenregulierung zu beschäftigen. Jetzt schon!

Zu guter letzt muss man sich dann noch von einem Plakat verwirren lassen, wo man nicht weiss ob das jetzt Werbung, vor allem wofür, sein soll oder Kunst. Gerade auch wegen dem Slogan. Ich nehme Plakate eigentlich nicht wahr, aber dieses Bild kam mir doch sehr bekannt vor, in Teilen. Erinnerte mich auch daran, dass ich eigentlich nochmal was Ausführlicheres zu „Wer, wenn nicht wir“ schreiben wollte. Ist als Film ähnlich gut wie das oben erwähnte „In Zeiten des abnehmenden Lichts“-Buch. Also nicht grossartig, aber deutlich über dem Durchschnitt. So, wenigstens das kann ich jetzt abhaken.

Update 02.12.2012: Ach herrje, Rammstein also. Na wenigstens das ist geklärt. Ich bin halt nicht mehr up to date, Rammstein fand ich nur kurz in „Lost Highway“ wirklich interessant. Aber sollen sie machen, als alter FeelingB- und Flake-Fan sind die mir trotz allem um einiges lieber als irgendwelche anderen unheiligen Spinner…

Ich widerrufe…

14. November 2011

…alles was ich bisher gesagt habe. Dafür unterbreche ich sogar meine Onlineabstinenz. Demokratie ist doof, Diktatur des Kapitals ist super. So wird man wenigstens Berlusconi los. Das kann doch alles nicht wahr sein…

Huch, und da lugt also auf einmal der Rechtsterrorismus unter dem Teppich vor, das ist ja überraschend. Wo es doch für sowas eigentlich erfahrungsgemäß funktionierende Strukturen bräuchte, die einem vielleicht hätten auffallen sollen. Aber man jagt ja lieber Sprayer mit Hubschraubern, manchmal muss man eben Prioritäten setzen.

Dann greift der Gröhe heute öffentlich die Piraten an, weil die ihren Server in Island aufstellen wollen. Der traut sich das nicht nur, die Leute klatschen da auch, anstatt sich zu schämen. Ganz dreist, als ob nicht ihre Leute gerade noch den Staatstrojaner über US-Server haben laufen lassen. Ach, was reg ich mich auf.

Die Winde der Veränderung

30. Oktober 2011

In unserem Lande ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. [...] Die gestörte Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft lähmt die schöpferischen Potenzen unserer Gesellschaft und behindert die Lösung der anstehenden lokalen und globalen Aufgaben. Wir verzetteln uns in übelgelaunter Passivität und hätten doch Wichtigeres zu tun für unser Leben, unser Land und die Menschheit.

Alles bis hier Geschriebene stammt nicht aus meiner Feder. Alles hängt miteinander zusammen. Bei der Überschrift handelt es sich keinesfalls um die dilletantische Übersetzung eines Pop-Klassikers. Der ganze Satz dazu lautet: „Die Winde der Veränderung, die seit einiger Zeit über Europa ziehen, haben an Deutschland nicht vorbeiziehen können.“ Gesprochen wurden diese grossen Worte am 10. November 1989 vor dem Schöneberger Rathaus. Von Willy Brandt, der in der selben Rede auch das oft zitierte Zusammenwachsen beschwor. Die Sätze des Eingangszitats sind ganze zwei Monate älter, sie stammen aus dem Gründungsaufruf des Neuen Forums, der unter dem Titel „Aufbruch ’89″ erschien.

Ich erwähne diese historischen Überlieferungen nicht nur wegen ihrer brennenden Aktualität. Sicher, beide Zitate könnten ebenso zutreffend heute geäussert werden. Neben meiner halb brachliegenden akademischen Beschäftigung mit dem Thema war es speziell in diesem Fall ein Hinweis im Blog von Klaus Baum auf den (inzwischen zwei Jahre alten) Text „Wilkommen in der Wirklichkeit – 20 years after“ von Lutz Hausstein, der mich mal wieder über einige vermeintliche Parallelen in der Geschichte nachdenken liess. Die sich bekanntlich nicht wiederholt, es sei denn als Farce (o)der Tragödie, ich hatte schon an anderer Stelle darauf hingewiesen.

Mit einigem guten Willen und Mut zur Oberflächlichkeit könnte man glatt behaupten, dass nach dem popkulturellen Eighties Revival nun das politische folgt. Damals waren es die Vasallenstaaten der Sowjetunion, die aus der gemeinsamen Erfahrung eines absurden politischen Abhängigkeitssystems zur Demokratie drängten und ihre Regime eins nach dem anderen zu Fall brachten. Vorbilder und Vorreiter waren Polen (mit der Solidarność, die acht Jahre nach ihrer Gründung 1980 mit wilden Streiks die ersten Runden Tische und schliesslich freie Wahlen erzwangen) und Ungarn (wo der greise Parteichef 1988 zurücktrat, damit reformerischen Kräften den Weg frei machte und der Eiserne Vorhang – im Juni1989 – zuerst fiel). Ohne diese ermutigenden Beispiele wären die Strassen Leipzigs im Oktober 1989 wohl um einiges leerer gewesen.

Aber auch in den westlichen Staaten war längst nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, selbst wenn ein gewisser promovierter Nachtfalter dies im Sommer ’89 auf dem Ku’damm mit schrecklicher Begleitmusik behauptete. Schon seit den 1970er Jahren entwickelte sich hier eine Bewegung, die Anfang der 1980er mit Massendemonstrationen, wie sie vor- und nachher nicht gesehen wurden, eindrücklich unter Beweis stellte, dass sie die Politik ihrer Regierungen nicht teilte. Es schien so, als ob Regierung und Regierte sich auch hier immer mehr entfremdeten, trotz aller demokratischen Label.

Heute, kann man also oberflächlich-gutmütig konstatieren, ist Tunesien das Ungarn unserer Tage (und der Iran vielleicht ein tragischeres Polen), und die Aufstände von Madrid bis New York sind ähnliche Misstrauenserklärungen an die Regierungen der westlichen Demokratien wie es schon vor 30 Jahren die Friedensbewegung mit ihren Märschen war.

Doch die Parallelen gehen noch tiefer, wenn man dieses Gedankenexperiment weiter spinnen will. Dafür müssen wir nochmal auf das Neue Forum zurückkommen. Die Opposition in der DDR formierte sich im Laufe der 1980er Jahre dezentral, sie entstand, wie allgemein bekannt ist, aus Friedensinitiativen, oft – aber längst nicht immer – unter dem Dach der Kirche, die schnell zu Demokratie-Initiativen wurden. Man beschäftigte sich mit Umweltschutz, Wirtschafts- und Versorgungsproblemen und – wohl am bekanntesten – mit Wahlfälschungen, exemplarisch sei hier auf die Beobachtung und alternative Auszählung der Kommunalwahlen im Frühjahr 1989 hingewiesen.

Unter dem Eindruck der Massenflucht via Ungarn und einer immer grösser werdenden unbestimmten Unzufriedenheit in der Bevölkerung (für einen erschreckenden Eindruck zur DDR in ihren letzten Zügen empfehle ich den Film „Winter adé“ von Helke Misselwitz) entschloss man sich, die Gründung einer Plattform, die den demokratischen Dialog zur Zukunft des Landes vorantreiben bzw. überhaupt erst ermöglichen sollte, etwas vorzuziehen. Dies geschah am 9. und 10. September 1989 im Haus von Katja Havemann in Grünheide. Dort wurde verabredet, das nächste Treffen Anfang Dezember abzuhalten, um zu sehen, was in der Zwischenzeit so passiert ist.

Das Neue Forum gründete sich ganz bewusst nicht als Partei, sondern verstand sich als eine Art Sammelbecken aller möglichen oppositionellen Kräfte. Sein Hauptanliegen bestand anfangs in der Etablierung einer Diskussionskultur, die Forderungen waren sehr allgemein formuliert und sollten im Laufe der Zeit und der Debatte später präzisiert werden. So hiess es im ebenfalls am Gründungswochenende erarbeiteten „Problemkatalog“: Wir können Probleme nennen und Thesen vorschlagen, aber noch keine Rezepte und Programme anbieten. Diese folgende Aufzählung ist unvollständig, mag nicht ausgewogen sein, aber sie soll Problemfelder benennen, zu denen ein Dialog in der Öffentlichkeit, auch unter Offenlegung von Daten, nötig ist.“

Die Liste bekannter Mitglieder des Neuen Forums verdeutlicht, wie unterschiedlich diese waren: diejenigen, die heute noch politisch arbeiten, tun dies bei den Grünen, der SPD und selbst bei der CDU. Sie einte lediglich ein gemeinsames Anliegen – der demokratische Dialog. Wie lautet jetzt gleich nochmal der Vorwurf an die Occupy-Bewegung bzw. an die Piraten? Sie haben keine klaren Ziele und sind politisch nicht einzuordnen?

Derweil überschlugen sich bekanntlich die Ereignisse, zwischen Anfang September und Anfang Dezember lagen nicht nur drei Monate, sondern Welten. Am 18. Oktober wurde Honecker zum Rücktritt gedrängt (dem er dann treu wie einst Ulbricht selbst zustimmte) und Egon Krenz, verantwortlich für die Wahlfälschungen im Mai und eifriger Verteidiger der Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens, schwang sich zu dessen Nachfolger auf. In einer ersten Erklärung am selben Tag prägte er einen entscheidenden Begriff (wer vorspulen will, Krenz beginnt bei 2:55):

Während der DDR-Chefideologe Kurt Hager, vom „Stern“ auf die Reformen unter Gorbartschow angesprochen, noch 1987 meinte, seine Wohnung nicht neu tapezieren zu müssen, nur weil Moskau das so macht, sah Krenz sich jetzt also gezwungen, ein Äquivalent zu Glasnost und Perestroika zu finden: die Wende. Und hier lauert meines Erachtens eine Gefahr, die heute nichts von ihrer Wirkmächtigkeit eingebüsst hat. Im Rückblick auf diese Zeit wird meist der Krenz’sche Begriff gebraucht, kaum jemand spricht von der Revolution, die ja eigentlich passierte. Der Bundesregierung unter dem geistig-moralischen Wender Kohl kann dies nur recht gewesen sein, zumindest im Rückblick. Ein revolutionäres Volk ist nicht so leicht zu bändigen wie ein gewendetes. So wird mit Sprache Politik (und Geschichte) gemacht, damals wie heute. Der Protest hat sich einfach nicht gegen das System zu richten, aber gegen gierige Banken, okay, das sei gestattet.

Nach der Grenzöffnung, die im übrigen weit weniger überraschend war als allgemein angenommen – schon mindestens seit dem Spätsommer  liefen Gespräche mit dem Westberliner Senat, wie die Reisefluten zu dirigieren seien – brach das Regime dann relativ schnell zusammen. Es entstand eine (demokratisch nicht legitimierte) Übergangsregierung unter Hans Modrow, die in Zusammenarbeit mit dem Zentralen Runden Tisch die ersten freien Wahlen vorbereiten und eine neue Verfassung ausarbeiten sollte. Worte, die wir heute  genau so über die Staaten der Arabellion in den Nachrichten hören können. Und wer weiss, vielleicht kommt ja auch hier mal wieder die Zeit für Runde Tische.

Die weitere Entwicklung in der DDR verdeutlicht die Gefahren, der sich alle gesellschaftlichen Umbruchsbestrebungen stellen müssen, selbst wenn sie anfangs erfolgreich scheinen. Aus dem kleinen Häuflein der Opposition, das über Jahre dem Regime die Stirn geboten hat, sind nun hunderttausende Demonstranten geworden, deren stärkstes Argument ihre Masse war. Lutz Hausstein leitet den eingangs erwähnten Text so ein:
Dreihunderttausend Menschen liefen auf dem Innenstadtring von Leipzig, um gegen das Machtsystem in der DDR zu demonstrieren. Sie wollten nicht mehr so weiterleben, im real existierenden Sozialismus der Marke DDR. Jeder hatte seine ganz persönlichen Vorstellungen und Wünsche von dem Leben danach. Seine eigenen Gründe, warum er sich einreihte in die Phalanx der Unzufriedenen. [...] Die bunte Glitzerwelt des Westens mit all seiner blinkenden Leuchtreklame, den schönen bunten Verpackungen übte eine anziehende Wirkung auf die Meisten aus. Manche wollten einfach nur mal The Police, Bruce Springsteen, Udo Lindenberg oder Die Ärzte in einem Konzert erleben. Viele hatten von der Bevormundung durch „Die Partei“ genug. Sie wollten darüber reden dürfen, was ihnen nicht gefällt. Manche nannten es Freiheit, andere Selbstbestimmung.

Die Angst, der mächtigste Gegner, war spätestens seit dem 9. November 1989 besiegt, Parteien gegründet und Pläne gemacht. Die kleine, radikale Minderheit der Opposition, die ich an dieser Stelle mal unzulässigerweise auf das Neue Forum verkürze, blieb genau das – eine kleine, radikale Minderheit. Dazu noch durch Flügelkämpfe geschwächt und gespalten. Die Triebkräfte der Revolution, die unerschrockenen Vorkämpfer für freie Wahlen und echte Demokratie waren deren erstes Opfer: Der „Bündnis 90″ genannte Zusammenschluss aus Neuem Forum, der Initiative Frieden und Menschenrechte und der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt erreichte bei den Volkskammerwahlen ganze 2,9 % der Stimmen. Ohne Gewalt, also mit demokratischen Mitteln, sind radikale Ideen logischerweise sehr schwer umzusetzen. Wer also echte Demokratie einfordert, muss mit ihren Ergebnissen leben können, ob in der befreiten DDR oder im befreiten Tunesien nach dem Wahlsieg der Ennadha.

Natürlich ist mir bewusst, dass all diese Parallelitäten und historischen Vergleiche willkürlich und unhaltbar sind. Aber das sollte auch kein wissenschaftlicher Aufsatz werden, sondern einfach nur verdeutlichen, dass erstens die letzte Revolution bei uns  zu Hause noch gar nicht so lange her ist und dass aus der Geschichte gelernt werden kann – oder zumindest die möglichen Stolpersteine bekannt sind, vielleicht können wir dem einen oder anderen ausweichen. Selbst wenn einem das Ergebnis der (bisher) einzig gelungenen deutschen Revolution nicht passen mag, so war es doch wert, dafür zu kämpfen, denn der Ausgangszustand war einfach unerträglich geworden. Das sollte eigentlich trotz alledem Hoffnung machen.

Eine letzte unzulässige historische Verknüpfung sei mir noch erlaubt, angesichts der aktuellen Nachrichtenlage kann ich mir diesen Kalauer nicht verkneifen:

Wenn schon Troika, dann Perestroika!

 

 

 

Vorgezogene Winterpause

23. Oktober 2011

Nur, falls sich der eine oder die andere meines dreieinhalb Köpfe zählenden Publikums wundert: Ich mach grad eine vorgezogene Winterpause, was hier im (letztens selbst von Don Alphonso anlässlich der FFM-Buchmesse namentlich erwähnten) niederrheinischen Exil noch recht wohltemperiert ist. In Berlin hätte ich schon längst den Ofen anheizen müssen.

Diese Pause kann also durchaus dazu führen, dass hier in nächster Zeit nicht viel passiert. Oder genau umgekehrt. Ich lass mir das, wie so vieles andere auch, gerade nochmal durch den Kopf gehen…

occupy berlin

15. Oktober 2011

Ein erstes kurzes Update, die Relfexion kommt später:

Die Demo vom Neptunbrunnen startete mit Verspätung, gutem Wetter und überraschend vielen Leuten (keine Ahnung wie die offiziellen Statisitiken lauten, bin grad erst wieder zurück) – deutlich mehr als 5.000. Interessante und witzige Schilder und Transparente, viele davon auf Englisch. Politprominenz war auch gut vertreten, vom notorisch durch die Demo radelnden Ströbele bis zum halbwegs kompletten Linke-Vorstand. Die Berliner Demo-Prominenz übrigens auch in erstaunlicher Vielfalt.
Vor dem Brandenburger Tor spaltete sich der Zug, einige spazieren durchs Brandenbruger Tor, andere um den Reichstag rum zum Kanzleramt. Diese Gruppen bleiben vorerst bestehen, es klafft eine kleine Lücke zwischen Kanzleramt (Kundgebung/Offenes Mikro) und Reichstag (Sitzblockade). Später wurden mindestens zwei Zelte auf der Reichstagswiese aufgeschlagen, immer mehr Leute kommen vom Kanzleramt rüber. Stand 18:00: wohl noch so um die 1.000 Leute vor Ort, Polizei beginnt Sitzende wegzutragen, aber nur sehr spärlich (ich hab von 3 Leuten mitbekommen), die Freunde und Helfer waren auch noch ziemlich wenige.
Beim Verlassen schien es, als ob sich die Leute dort festsetzen wollten, es wurden eifrig Verpflegung, Zelte und Isomatten herbeitelefoniert…
Keine Ahnung was aus der geplanten Veranstaltung am Mariannenplatz in XBerg geworden ist, das war wohl sowieso eher ‘ne Schnapsidee, vermutlich wollte acampada im Bethanien/New Yorck ihr Winterquartier aufschlagen. Mal sehen was der Abend noch bringt, weder das Wetter noch die Polizisten werden freundlicher werden.

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