Theaterkritik
In den letzten Tagen wurde auf den grünen Hügeln des Web 2.0 das Stück “Der ultimative Rant” mit Sascha Lobo in der Hauptrolle gegeben. Wie in allen anderen Teilen des Zyklus “Blogosphäre” bot der Berliner Künstler auch hier eine überzeugende Vorstellung. Es ist nicht unbedingt die Innovation, die Lobo ausmacht, vielmehr seine Fähigkeit zur Vermengung verschiedener Stile und Vorbilder. Letztendlich ist es aber auch hier so, dass sich die Geschichte wiederholt, diesmal nicht als Tragödie, sondern als Farce.
Eigentlich bin ich nicht wirklich geeignet, dieses Stück zu rezensieren, geschweige denn den ganzen Zyklus. Ich bin mit dieser Kunstszene noch nicht wirklich vertraut, ich meine man kann ja auch nicht verlangen, dass jemand mal eben eine Opernaufführung oder ein Gemälde von – sagen wir mal Bob Ross – einfach so bespricht, ohne wirklich fundierte Hintergrund-Kenntnisse zu besitzen. Selbst den Hauptdarsteller kannte ich bis vor kurzen nur aus dem Fernsehen und dem Feuilleton. Zugegeben, ich habe ihn unterschätzt, ich wusste von seiner eigentlichen künstlerischen Arbeit noch nichts.
Im Grunde ist es ja so, dass alle am Stück Beteiligten nicht nur Darsteller sind, sondern auch entscheidend am Inhalt und der Richtung der Handlung Anteil haben. Umso höher ist deshalb die dramaturgische Leistung im zuletzt gegebenen Teils des Blogosphären-Zyklus einzuschätzen. Mit der durch @piratenweib inszenierten Abmahn-Debatte schien der Höhepunkt schon erreicht, die Themen “Integration” und “Pornosteffi” waren als Handlungsteppich enttarnt, ebenso wie das schon fast wieder vergessene Google street view. So gut wie alle Handlungsfäden liefen zusammen und gipfelten sozusagen im Klimax der Absurdität (man erkennt, ich versuche noch den richtigen Rezensentensprech zu finden): Urheberrechtsdebatte inklusive creative commons, nochmal schnell auf die kurze und tragische Geschichte der Piratenpartei rekurriert und Stuttgart 21 darf in diesen Tagen ja auch nicht fehlen. Dazu mit der drohenden Abmahnung Tür und Tor geöffnet für jegliche Themen aus der Jura-Ecke.
Doch dann, als man schon beinahe die Popcornkrümel vom Anzug wischend den Saal verlassen wollte, kam der furiose Überraschungs-Auftritt von Sascha Lobo. Dessen Rolle gerade in der letzten Phase des Stückes schon auszuklingen schien. Seine großen Parts lagen bereits etwas zurück. Mit Jahren Verspätung habe ich erst vor kurzem Notiz von seinem bisherigen Hauptwerk genommen: nichts neues, aber die aktuellen Debatten der damaligen Zeit virtuos zusammengefasst. Als ob er und sein Co-Autor irgendwo ein paar Literaturlisten von Sozial-, Kultur- und Kommunikationswissenschafts-Proseminaren gefunden und angelesen hätten, um dann selbst eine etwas krude Theorie zu erfinden. Aber wie gesagt, das ist schon ‘ne Weile her. Die Handlung verlagerte sich danach erst mal Richtung Hegemann. Nach dem “Die bescheuerte Musikindustrie und die blöden Filesharer”-Artikel wurde es relativ still auf Lobos Blog und die Roman-Geschichte schien das fade-out für seinen Handlungsstrang zu bedeuten.
Aber weit gefehlt: Lobo is back. Die Einleitung durch Felix aka ix aka wirres.net ist allerdings etwas konstruiert und wirkt dadurch bemüht, die Gretchen-Fileshare-Frage ist zu durchsichtig gestellt und also leicht als reine Handlungskrücke zu erkennen. Das macht der darauf folgende Rant jedoch mehr als gut. Stark an Kinski und Schlingensief zugleich erinnernd holt Lobo in einem weiten Bogen aus, um mit einem gewaltigen Roundhouse-Kick auf so gut wie alles und jeden einzuschlagen. Keine Frage, dass er sich hier eindeutig an dem großen Chuck Norris orientiert.
Zuallererst – und damit wären wir auch schon bei der Peter-Handke-Parallele – handelt es sich um die klassische Publikumsbeschimpfung. Das Stück lebt natürlich hauptsächlich von seiner Wortgewalt, den stakkatomässig verteilten Seitenhieben bei denen kaum einer ungeschoren davon kommt. Aber schon im zweiten Satz wird die Stossrichtung klar: Es geht nicht um Johnny von Spreeblick (fast eine Brecht’sche Figur möchte man meinen), sondern um dessen “selbstgerechtes Publikum” mit “kleingeistigen Erwartungen”. Nach diesem noch etwas platten Start kommt schon das wundervolle Bild der Fans, die zu von Niggemeier in Eichenrinden geritzten Schriftzeichen pilgern und dort ehrfurchtsvoll Flattr-Blümchen ablegen. Und wieder: Es ist nicht der Blogger Ziel der Kritik, sondern die “stumpfen Fans”. Niggemeier dagegen ist eine eigene Liga.
Darauf folgt überraschend die direkte Attacke: “Willst du mich verarschen, du erlebnisschrottblogger?” In einem Zirkelschluss knüpft Lobo sublim die schon lange in der Luft schwebende Verbindung zwischen den Kommentatoren, die “im besten fall zu 80% schwer gestört sind” und dem Blogger, ohne das natürlich explizit zu machen. Spätestens jetzt sind aber alle Dämme gebrochen, vom pokulturjunkie bis mspro bekommen alle ihr Fett weg, nicht ohne auch den Lesern und Kommentatoren nochmal einen Tiefschlag mitzugeben, diesen “12 depressiven Langzeitstudenten”. Wie schon bei Handke geht es eigentlich darum, die derzeitige Verfasstheit der Kunst und des Publikums durch einen Spiegel gleichsam zu entblössen.
Natürlich muss Lobo noch unterstreichen, dass wenn jemand einen beliebigen Web2.0-Guru richtig verstehen kann, dann er, nicht ohne zu erwähnen, dass auch dieser Guru (durchaus auswechselbar: Doctorow) nichts als eine “schlimme Ich-Hupe” ist. Hier bricht das erste mal die Ironie durch, man spürt förmlich das Bedürfnis des Publikums zu schreien: “Ja, genau wie du!”.
Aber soweit ist das Stück an dieser Stelle noch nicht, der Rant geht unverdrossen weiter, sturzbachmässig bricht es aus Lobo heraus. Spon, Sixtus, von Gehlen und Marcel Weiss, jeder bekommt metapherngeschönt etwas um die Ohren gehauen, und wieder darf das Publikum nicht fehlen, diesmal in Form irgendeines 19jährigen, der “in 30 sekunden einen drm-knacker über das ebook drübergebügelt hat und mein quatschbuch für wichtig genug erachtet hat, um es in die egoisten-netzwerke einzupflegen”. Ein schöner Verweis auf die vergangene Produtzer-Debatte, reines Nur-Publikum gibt es ja gar nicht mehr, ausser natürlich hier im Theater.
Endgültig klar wird das Spiel, das Lobo hier treibt durch die ironische Selbst-Überhöhung, wieder drängt sich irgendwie die Erinnerung an Brecht (da hätte ich mal in das Bücherregal hinter mir schauen sollen, es war:) Feuchtwanger, diesmal an seinen falschen römischen Kaiser, auf, ich weiss auch nicht wieso:
“mir kommt es da nur aufs geld an, denkst du, ich schreibe bücher aus überzeugung? kann ich von tauschbörsenrelevanz meine teuren hobbies bezahlen? wenn ich so ärmlich und ohne jeden stil leben würde wie niggemeier oder kathrin passig, dann wäre das vielleicht okay, aber ich brauche 10.000 netto im monat, da kann ich mich nicht mit diesem kinder-relevanzshit auseinandersetzen.”
Das ist einfach nur ein großartiges Finale furioso! Die Feuilletons sollten beben angesichts dieser perfekt ausformulierten und vorgetragenen Darbietung. Am Ende bleibt nur die Frage, wie sich der große Künstler Sascha Lobo fühlt, wenn er abends nach Hause in seine Wohnung am Prenzlauer Berg kommt, den Irokesen abschnallt und sich seufzend in den Sessel fallen lässt.


Hach -
ich fühle mich sehr geehrt, nicht unbedingt von dem “Hach”, von dem ich nicht genau weiss, wie ich das interpretieren soll, sondern von der Aufnahme in die Glanzlichter…