Short Cuts
Ein paar kurze Anmerkungen zu den aktuellen Ereignissen:
Libyen erscheint wieder auf der Nachrichten-Landkarte, da in Japan ja zum großen Bedauern der Medien der wirklich grosse Knall ausbleibt (scheinbar keine hunderttausende Opfer nach Erdbeben und Tsunami, und – noch - keine “The day after…”-Szenerie). Deutschland wird von Gaddafi gelobt, weil es sich gegen die Flugverbotszone einsetzt. Teile der Öffentlichkeit empören sich, Teile diskutieren ziemlich differenziert. Der scheinbar von Merkel und Westerwelle vertretene Standpunkt, sich nicht in einen Krieg hineinziehen zu lassen, mag nachvollziehbar sein. Aber: Wenn Gaddafi und in Zukunft wohl sein Sohn, Schwert des Islam, ihre Macht wieder festigen, was derzeit sehr wahrscheinlich scheint, was dann? Wie will die internationale Gemeinschaft mit diesem Regime umgehen? Und, vor allem, was ist von diesem Regime zu erwarten? Für die Region, die demokratischen Bewegungen in der Nachbarschaft, den Nahost-Konflikt? Möglicherweise waren Lockerbie und LaBelle nur Pillepalle, im Vergleich zu dem was zukünftig von Tripolis zu erwarten ist.
Über die Situation in Japan wurde und wird auf allen Kanälen zur Genüge berichtet. Eine Erkenntnis für mich: Die Betreiberfirma, die ja merkwürdig still war bisher, scheint massiv geschlampt in bester kapitalistischer Gewinnerzielungsabsicht gehandelt* zu haben. Das zeigt: Selbst – oder gerade – in einer kapitalistischen Hochtechnologie-Nation wie Japan ist man nicht vor solchen massiven Fehlern gefeit. Kapitalismus ist menschliches Versagen mit System. Wenn es darum geht, möglichst viel Geld mit möglichst wenig Aufwand zu verdienen, dann spielt das Allgemeinwohl keine große Rolle. Dann verlängert man Wartungsintervalle und nimmt die billigen Ersatzteile. Interessanterweise hatte ich vorletztes Semster ein Seminar zu Lobbyismus belegt und dort erfahren, dass diese Praxis in Japan fast schon systemimmanent ist.
Nun mag eingewandt werden, dass ja schliesslich auch Tschernobyl menschliches Versagen war, und dort alles andere als Kapitalismus herrschte. D’accord. Aber im kapitalistischen System ist das Profitstreben, was bei Risikotechnologie zu katastrophale Auswirkungen führen kann, die Maxime. Das beginnt bei Produkten, die absichtlich so gefertigt werden, dass sie nur eine begrenzte Lebensdauer haben, setzt sich bei industriellen Massentierhaltungen (z.B. für das 1,99€-Brathähnchen) fort und macht eben auch vor Atomkraftwerken nicht halt. Der Kapitalist ist dem Menschen ein Wolf. Der Mensch ist dem Kapitalisten egal.
Und dann, ein bisschen Unterhaltung und Ablenkung muss ja sein, kursiert gerade zur Belustigung der Blogosphäre ein Wahlwerbevideo von Friedhelm Ernst (FDP) zur Landtagswahl in BaWue. Die selben Leute, die bei dem ehemaligen Verteidigungsminister über Haargelverbauch spekulierten und sein aalglattes, populistisches Verhalten ebenso kritisierten wie dessen Allianz mit der Bild, machen sich jetzt über einen scheinbar authentischen Mann lustig, für den “nach fast fünfundzwanzigjähriger Tätigkeit als Bruchsaler Gemeinderat und Kreisrat” das Nachrücken in den Landtag etwas ist, “von dem nur zu träumen erlaubt war”. Jetzt mal abgesehen von seiner politischen Überzeugung ist mir so ein Politiker lieber, als irgendwelche jugendlichen, in transatlantischen Think-Tanks und PR-Schmieden geschulten Berufsrhetoriker.
Just my two Öre.
* Update 22.03.2011: Eigentlich bin ich ja – wie ein von mir sehr geschätzter Autor – sehr “empfindlich uff die Wörter.” Aber auch mir unterläuft ab und an mal so ein Patzer. Daher: Danke an Binsenbrenner für’s Augenöffnen.

