Zum Inhalt springen

Die Ankunft des Kairos?

11. Oktober 2011

Der durch eine Gottheit personifizierte griechische Begriff Kairos symbolisiert einfach gesagt den rechten Zeitpunkt, die Gelegenheit, die einem ihren Schopf bereitwillig hinhält. So schwer es auch fällt, fast mag man glauben, dass dieser Moment kurz bevorsteht. Seit Monaten, einem halben Jahr immerhin bis dato, zieht die Revolte um den Globus. Und ebbt die Nachrichtenflut darüber mal kurz ab, dann nur, um gleich darauf woanders an die Küste gespült zu werden, in New York beispielsweise. Hierzulande, so paradox es eigentlich ist, steht nun also am 15. Oktober die Ankunft des Kairos als vorgemerkt im Terminkalender (früher hätte man Filofax gesagt, allein diese Assoziation wäre einen eigenen Beitrag wert).

via

Ja, ich unterstütze die Aktion der Empörten, der 99 Prozent, der Protestcamper. Schliesslich schreibe ich auf diesen Seiten ja auch schon seit über einem Jahr die Revolution herbei. Allerdings will ich auch nicht verheimlichen, dass ich auf Google+ in letzter Zeit des öfteren der allgemeine Euphorie über diese Bewegung kritisch gegenüber trat. Eigentlich bin ich gerade dabei, einen wohl etwas länger werdenden Text zu verfassen (ihr seid gewarnt!), um all die Phänomene, um die es hier oft ging, mal stringent zu verknüpfen. Von Prekarität und Arbeitsbegriff über Kapitalismus zur Revolution, sozusagen. Im Grunde also das, was ich schon seit Jahren schreibe.

Nun holen mich die Ereignisse also ein, überholen mich gar. Denn bis zum Revolutionstag am 15. Oktober wird dieser Beitrag wohl nicht fertig werden. Zu viele gute Texte, sowohl analoger als auch digitaler Art, wollen gelesen werden. Vor allem letztere spriessen angesichts der Umstände gerade wie Pilze aus dem Boden. Deshalb hier nur kurz ein paar kritische Anmerkungen zum kommenden Aufstand:

1. Geht am 15.Oktober auf die Strasse! Twittert, bloggt und redet nicht nur drüber, sondern geht raus, auch wenn das Wetter wahrscheinlich  eher mies sein wird. Und das ist ein wichtiger Punkt: Das Wetter hat schon ganz andere Unternehmungen vereitelt. Es wird Winter. Da zeltet es sich in unseren Breiten eher ungemütlich. Bis jetzt endete jeder der Studi-Streiks in den letzten Jahren spätestens nach Weihnachten. Das sollte klar sein. Apropos – es wird ja derzeit auch gerne über einen rekordbrechenden Studierendenandrang geredet. Da lauert hoffentlich noch ein Potential, welches genutzt werden kann.

2. Lasst euch weder abschrecken noch vereinnahmen! Es wird auch am 15. Oktober viele Spinner neben euch geben, falls ihr keine seht, solltet ihr euch auch Gedanken machen… Wie immer werden diverse obskure Sekten ihre Missionsarbeit verrichten. Das Problem ist zwar erkannt, aber nicht gebannt, was auch unmöglich ist.

3. Was tun? Was tun! Mal eine große Demo hinbekommen ist kein Problem. Danach noch eine gewisse Zeit von der Euphorie und dem Gefühl von Gemeinschaft zu zehren auch nicht. Auch wenn es sich heute um eine globale Bewegung handelt, die sich ihrer Zusammengehörigkeit bewusst ist und sich darüber auch ständig rückversichert, dem Netz sei dank, dann wird es meiner Meinung nach trotzdem schwierig bis unmöglich, hierzulande kurzfristig zu einer vergleichbaren Massenbewegung zu gelangen wie es zuletzt der Friedensbewegung Anfang der Achtziger Jahre gelang, oder den Revolutionären in der DDR. Es wird ein langer steiniger Weg mit offenem Ausgang, der vielleicht allein deshalb nicht beschritten werden wird.

Nicht zuletzt, sondern eigentlich immer zuerst sollte auf die Bildung hingewiesen werden. Man kann es auch Aufklärung nennen, klingt ähnlich pathetisch und ist genauso wahr. Kant, Unmündigkeit, selbstverschuldet, heraustreten – die Geschichte. Wie schon anklang war das Problem vieler Potestbewegungen nicht der Beginn, sondern das Ende. Man mag sich anfangs in einem Anliegen einig sein, einen gemeinsamen Feind haben. Finanzmarktkapitalismus beispielsweise, oder platt ausgedrückt auch gerne “Die Banken”.

Fängt man dann aber an, Fragen zu stellen, dann kann es unbequem werden. Erkenntnis ist selten bequem. Finanzmarktkapitalismus ist natürlich ein Quatschwort, das seine Herkunft verschleiern will. Der Kapitalismus ist ein koloniales Unternehmen, das Land nimmt, wo es kann. Aber dazu an anderer Stelle mehr. Und “Die Banken” machen auch nur das, was wir ihnen erlauben. Schliesslich werden rechtsfreie Räume bei uns nicht geduldet. Es geht hier nicht um eine plötzliche Naturkatastrophe, die wir nebenbei bemerkt inzwischen auch selbst am besten produzieren. Ebensowenig kann vom Kapitalismus Moral oder Ethik verlangt werden. Wer das eine will, kann das andere nicht haben, ganz einfach.

Es geht darum, dass wir selbst schuld sind, weil wir den Arsch nicht hoch bekommen und diese ganzen verdammten Plastiktüten und Plutoniumbrennstäbe produzieren. Die Aufklärung hat mittlerweile ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel und bei genauem Nachdenken sollte allen klar sein, dass wir dringend einige Gänge runterschalten und uns von vielem Liebgewonnenen trennen müssten. Was eben auch schwierig wird in einem System, dessen Prämisse Wachstum ist.

Dass hier nicht weiter auf die offensichtliche Entfremdung von Regierung und Regierten eingegangen werden muss, sollte klar sein. Mit Demokratie hat diese Veranstaltung nicht mehr viel zu tun. Sicher, immer noch mehr als das, was der Militärrat in Kairo macht. Aber eher auf einer formalen Ebene. Auf der praktischen Ebene wird Demokratie in Ägypten und Syrien wahrscheinlich gerade ernster genommen als bei uns, trotz des Piraten-Aufwinds. Übrigens, wer sich nicht mehr vertraut, fängt an sich zu bespitzeln, da kann man jeden Privatdetektiv fragen.

Diese Erkenntnis kann dann leicht die gerade noch vereinte Bewegung aufspalten, in Besitzstandswahrer unterschiedlichen Grades. Aber eigentlich war ich ja für die ganze Sache, deshalb sollte auch die positive Seite nicht unerwähnt bleiben. Dazu braucht es eigentlich nur ein paar Fragen: Wer hätte in der letzten Silvesternacht auch nur für möglich gehalten, dass sich sich dieses Jahr so entwickelt? Wer hätte gedacht, dass eine so hartnäckige Occupy-Wall-Street-Bewegung in der Tea-Party-USA wächst und wächst? Dass es wieder Räte gibt, auch wenn sie jetzt spanisch heissen. Dass vielleicht schlummernde Erinnerungen geweckt wurden und die Spanischen und Münchener Anarchietraditionen ins Geschichtsbewusstsein zurückfinden. Es erfordert Mut, sich auf Erkenntnis einzulassen, auch schon klar seit Kant. Aber es kann auch ein verdammt befreiendes Gefühl sein. Wie es Katja Kullmann grade so schön auf ihre Art geschrieben hat:

Ich halte das für möglich – dass es ein Aufbruch sein könnte. Und noch etwas möchte ich kurz festhalten: Es verändert sich – alles und überall. Sie haben es bestimmt auch schon gemerkt. Dass diese Zeit … eine sehr spannende ist. Dass die Welt sich tatsächlich in einen neuen Aggregatzustand begibt. Dass etwas zusammenbricht, sich erledigt, sich überholt hat – und etwas Neues geschieht.[...] Ich glaube nicht, dass das Internet die große Revolution war, die meine Alterskohorte (manche nennen es “Generation”) erlebt haben wird (Ruhe in Frieden, Steve Jobs). Ich glaube tatsächlich: Das Internet war nur die kleine.

8 Kommentare Eins hinterlassen →
  1. 12. Oktober 2011 21:56

    Sehr schön! Dir/Euch viel Erfolg bei Eurem Teil – wir werden unseren übernehmen.

    • 13. Oktober 2011 10:54

      Danke, kann ich so nur zurückgeben. Inzwischen hoffe ich sogar auf gutes Wetter…

      • 13. Oktober 2011 11:26

        Schönes Wetter wäre für einen “heißen Herbst” natürlich ideal ;-)
        Wirst Du übrigens berichten? Wir wollen über mehrere Blogs hinweg aus mehreren Städten berichten – magst Du Dich anschließen?

      • 13. Oktober 2011 14:38

        Wenn es was berichtenswertes gibt, werde ich sicher auch ein paar Zeilen darüber schreiben. Da ich allerdings nicht mit Laptop durch die Gegend ziehe (das machen andere genug, obwohl die dann meist Macbook dazu sagen…) und mir das Konzert in XBerg noch anschauen wollte, wird das eventuell nicht sehr zeitnah passieren, das können all die Twitterer und Schnellundvielblogger besser, daran herrscht ja auch in Berlin kein Mangel ;-)
        Also, unter all diesen Einschränkungen wäre ich prinzipiell dabei, können wir dann ja nochmal konkret besprechen.

      • 13. Oktober 2011 14:40

        PS. Wo soll denn die Berichterstattung überhaupt passieren (zentral oder verstreut auf die einzelnen Blogs?), wäre für einen Vorabhinweis, den ich vielleicht morgen oder samstag früh noch schreibe, ganz interessant zum verlinken?

      • 13. Oktober 2011 16:21

        Ich schreib auch erst, wenn ich zuhause bin. Gedacht ist es so, daß wir auf den teilnehmenden Blogs jeweils abends einen Sammelbericht von allen Orten bringen.

Trackbacks

  1. Was vom Tage übrig blieb (11. Oktober 2011) | PopSuite
  2. "Kairos" – eine weniger grobschlächtige Art, "Arsch hoch" zu… | Konstantin Klein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.