Abwesenheitsrechtfertigungsnotiz
Irgendwie häng ich noch im letzten Jahr fest. Andererseits gab es in diesem auch schon ein paar wenige, erfreuliche Sachen. Aber eins nach dem anderen.
Wie schon an anderer Stelle angeklungen ist, verbrachte ich die Zeit, in der hier Weihnachten und der Jahreswechsel gefeiert wurden, im sogenannten Heiligen Land, wo man sich gewohnheitsmäßig mit ganz und gar unheiligen Sachen rumschlägt. Mit Besenstielen zum Beispiel, und zwar in einer Kirche. Oder mit orthodox verordneter und liberalerweise energisch und massiv bekämpfter Geschlechtertrennung. Oder mit den auseinanderbröckelnden, ehemals so schön stabilen und verlässlichen Diktaturen rundherum. Aber Politik beiseite, dafür reicht weder das Internet und schon gar nicht mein kleines Blog hier, um diese Thematik in der gebotenen Differenzierung zu betrachten.
Nur soviel: Ich hätte Schlimmeres erwartet seit meinem letzten Besuch vor zwei Jahren, als alles noch geordnet und durch fest im Sattel sitzende Demokratieverächter abgesichert war. Nun mag sich vielleicht mancher fragen, was ich denn ausgerechnet dort zu suchen hatte, ob das gar eine Sympathiebekundung aus antideutscher Motivation heraus war, die mir ja auch schon lächerlicherweise unterstellt wurde.
Nein, es war primär einfach ein stinknormaler Urlaub, was in diesem Land übrigens wunderbar geht, gerade als Bildungsbürgerreise sehr zu empfehlen. Es galt einen Kompromiss zu finden aus halbwegs gutem Wetter, kulturellem Klugscheisserzeitvertreib und erträglicher Flugdauer. Wäre Tel Aviv in Europa, hätten es Berlin und Amsterdam sehr schwer, ihre Top-Platzierung bei meinen europäischen Lieblingsstädten zu behaupten, ich mag diese Stadt wirklich sehr. Und erst ganz zuletzt steht hier auf der Begründungsliste die familiäre Bindung, denn beschämenderweise muss ich sagen, dass es diesmal nicht mal zu dem halbstündigen Anstandsbesuch kam, aus Gründen.
Ein letztes Wort noch, auch zur unvermeidlichen Politik: Ich bin leicht optimistisch, ganz ganz leicht. Was aber viel zu heissen hat in dieser verfahrenen Lage. Es stehen zwar keine Zelte mehr auf dem Rothschildt-Boulevard, aber die Zivilgesellschaft scheint nicht aufgeben zu wollen, weder gegenüber der albernen Feminophobiker-Fraktion aus dem ultraorthodoxen Lager, noch beim alltäglichen Rassismus gegen Äthiopier, noch bei Sozialkürzungen und Militärbudgeterhöhungen, um nur einige Beispiele zu nennen. Das lässt vielleicht darauf hoffen, dass die nächste Regierung aus klügeren Leuten besteht – ich weiss, ich bin ein unverbesserlicher naiver Optimist.
Aber klar, Israel ist böse und von Apartheid durchtränkt und baut Mauern,vielleicht ist es ja sogar ein faschistisches Regime, sagt man hierzulande oft und gerne. Hier, wo weiter alles getan wird, um eine Mauer durchs Mittelmeer zu ziehen, Randgruppen abzudrängen und die Demokratiereste marktkonform zu gestalten. Ach, was reg ich mich auf. Das macht doch die Öffentlichkeit in Form von Presse und Politik schon genug, und zwar über so ein lächerliches Thema wie den fehlenden (im Sinne von neudeutsch “failenden”) Bundespräsidenten.
DAS ist natürlich wirklich wichtig und muss wochenlang auf den ersten Seiten aller Zeitungen stehen, klar. So lassen sich die Waffen auch viel besser verkaufen, die Nazis sich viel besser decken und der Sozialstaatsabbau sich viel besser vorantreiben. Da kann man dann sogar frech solche Plakate aufhängen wie “Noch nie waren so viele Menschen in Arbeit” – darauf soll man auch noch stolz sein, vermutlich. Ich finde ja, andersrum würde ein Schuh draus werden, aber Schuhe werden die auch bald nicht mehr haben, sondern so wie früher Lumpen um die gefrorenen Füsse – diejenigen, denen man jetzt auch schon wieder an ihren schlechten Zähnen ansieht, wie es um sie steht.
Da verharre ich lieber noch etwas in meiner Flucht aus dem Alltag, hat sich ja doch nichts geändert. So tat ich etwas, was ich erschreckenderweise schon lange Zeit kaum mehr tat: aus reinster Muße lesen. Keinen Osterhammel, keinen Dörre, keine politologischen oder Historiker-Zeitschriften/Blogs/Rezensionen. Sondern wirklich und wahrhaftig Schöngeistiges. Romane, gleich zwei an der Zahl, die ich mir zu Weihnachten wünschte, bekam und vorhatte einfach mal für später ins Regal zu stellen.
Trotzdem nahm ich vorsorglich das kleinere der beiden Bücher mit auf Reisen. Und bei den langen Bus- und Zugfahrten durch Wüste, Berge und an der Küste entlang begann ich wirklich, mich festzulesen. Ein Roman, der - wie sich dabei herausstellte – zu Recht in den Feuilletons des letzten Jahres viel gelobt wurde, trotzdem aber noch in der ersten Auflage von 2005 zu haben ist (ganz im Gegensatz zu dem zweiten Buch, aber dazu später): Das Geschäftsjahr 1968/69 von Bernd Cailloux.
Zuerst überzeugt daran der für ein Suhrkamp-Buch ungewöhnliche und sehr passende Umschlag. Dann natürlich der Inhalt, eine gut zu lesende Beschreibung einer utopischen Zeit, die doch nur in der Erinnerung, im Mythos utopisch ist. In Wahrheit nämlich zeigte sich schnell die hässliche Fratze der Realität – Sex, Drugs und Rock ‘n’ Roll heisst eben auch Hepatitis, verratene Freundschaften und Scheitern, was Cailloux hier sehr schön darlegt. Das Buch erinnerte mich stark an Mr.Nice, den ich mir auch mal wieder durchlesen sollte.
Klar, es ist ein Roman und Fiktion, aber der Realitätsbezug ist doch deutlich zu erkennen, einige Namen nur unzureichend verschleiert. Der autobiographische Aspekt ist es dann auch, der hier – im Gegensatz zum zweiten Buch – keine wirklich große Erzählkunst aufkommen lässt. Lesenswert, sehr zu empfehlen, gut geschrieben, originell – ja, aber Das Geschäftsjahr 1968/69 ist trotz allem so, wie mir sein Verfasser, ohne dass ich ihn kenne, auch vorkommt: etwas spröde. Das macht es dann aber auch wieder passend und glaubwürdig.
Dieses Büchlein las ich also in kleinen Happen verteilt über den Urlaub, die letzten paar Seiten als ich schon wieder zurück war im Berliner Winter, der nicht mehr als ein mieser Herbst ist, bisher. Der zweite Roman lag noch in der Weihnachtsgeschenktüte, eingeschweisst und mit seinen knapp 800 Seiten drohend. Ein Roman, der seiner Gattungsdefinition gerecht wurde, folgt man Prof. Kemper, der mal sagte, der Unterschied zwischen einer Novelle und einem Roman ist, dass es weh tut, wenn einem letzterer auf den Fuss fällt.
Auch dieses Buch wurde in den Feuilletons des letzten Jahres hochgeschrieben, und zwar weltweit. Das führte im Gegensatz zum eben besprochenen zu einer Platzierung in sämtlichen Topseller-Listen, so dass im Erscheinungsjahr 2011 schon die elfte Auflage gedruckt wurde, wie die Innenseite verrät. Jeder stirbt für sich allein – das ist der Titel, für den sich Hans Fallada nach mehreren anderen Ideen entschied. Sein letzter Roman und seit langer Zeit mal wieder ein echter Fallada, wie er selbst meinte.
Schon vor gut und gerne zehn Jahren entdeckte ich Fallada das erste mal wieder, jenseits der Schullektüre und dem üblichen Allgemeinwissen literaturbegeisterter Jugendlicher, die sich seit jeher für gescheiterte Existenzen mit Drogenproblemen interessieren. Damals war es Bauern, Bonzen und Bomben, welches mich gleich eine alte DDR-Fallada-Biographie verschlingen liess und zusammen mit dieser zu dem Entschluss führte, unbedingt mehr von dem als Rudolf Ditzen geborenen Kammergerichtsratssohn und Morphiumjunkie lesen zu müssen. Daraus wurde aber nichts, ich verpasste sogar die nur gut zwei Jahre später neu erschienene Biographie.
Jetzt also die Geschichte der Quangels, ein älteres Ehepaar, kleine Leute wie so oft bei Fallada, die schicksalsergeben ihren von vornherein aussichtslosen Kampf gegen den übermächtigen Führer aufnehmen, der bis zum Heldentod ihres einzigen Sohnes auch ihr Führer war. Und ein wunderbar beschriebenes Panoptikum des 30er/40er-Jahre-Berlins, was laut Kritik auch ein Grund für den weltweiten Erfolg der Neuausgabe ist. In zweieinhalb Tagen waren die 800 Seiten ausgelesen, und wie immer nach einem guten Buch schwankte ich zwischen einem Zurückgelassensein in der Leere und der Begeisterung über das zuvor Gelesene.
Da ist es auch egal, ob ich durch den Hinweis einer kürzlich abbestellten Wochenzeitung auf dieses Buch kam, egal, ob es in öffentlich-rechtlichen Literaturmagazinen bejubelt wird und per Empfehlung von Buchclubs massenweise an Mittelstandshausfrauen mit überschüssiger Nachmittagsfreizeit ausgeliefert wird. Fallada verdient jeden Leser, den er bekommen kann, denn er hatte keine Dünkel, er machte sich nicht besser, ihm war bewusst wie wichtig all die, auf die andere gerne hinabsehen, waren, er wusste, wie beschissen er selbst eigentlich dran war.
Deswegen weigerte er sich auch zuerst, dieses Thema zu bearbeiten. Schliesslich war er kein Widerständler, sondern ins Schneckenhaus der inneren Emigration gezogen, das er mit dem Nebel des Rauschs auskleidete und ansonsten einfach darin verharrte. Er fand es nicht angemessen, jetzt – noch dazu im Auftrag der Umerzieher – auf die Möglichkeit des richtigen Verhaltens in einer Diktatur hinzuweisen. Und schrieb dann doch dieses wunderbare Buch. In gerade mal vier Wochen. Ich hab mir jetzt erst mal die neue Biografie bestellt, die Zeit bis zur Auslieferung überbrücke ich mit der Rum Diary und ansonsten verkrieche ich mich wieder ehrfurchtsvoll in meinem Schneckenhaus.


