Namedropping – Die Zeit läuft
Die Jagd ist beendet, die Suche nach einer neuen Beute läuft bereits auf Hochtouren: Bis zur Wahl eines neuen Staatsoberhaupts bleiben 30 Tage. Die Koalitionsspitzen wollen sich morgen treffen, um das weitere Vorgehen abzustimmen, das Wochenende ist für die führenden Politiker gestorben. Für die Rosenmontagsumzugswagengestalter auch.
Angesichts der Mehrheitsverhältnisse (vier Stimmen) in der Bundesversammlung ist es unwahrscheinlich, dass – wie bei Wulff vs. Gauck – Parteipolitik betrieben wird. Auch die Grünen-Spitze drängte sich in einer ersten Stellungnahme geradezu auf, bei einer gemeinsamen Kandidatensuche mitmachen zu dürfen, Özdemir platze fast vor staatstragender Seriösität. Sie hätten unmittelbar nach dem Rücktritt „einen Brief an die Bundeskanzlerin geschrieben“ – der wird dann wohl Montag in Merkels Briefkasten sein, schätzungsweise. Die oberste Maxime ist, wieder Ruhe in den Karton namens Bellevue zu bekommen. Die wenigen Worte Merkels dürften den Grünen Hoffnung machen, allein die Linke darf mal wieder nicht mitspielen, so scheint’s.
Die ersten Namen geistern natürlich schon durch die Medien: Auf Twitter wie immer am schnellsten, vom Absurden a lá Markus Lanz oder Lothar Matthäus bis zu Gauck reloaded. Also mach auch ich mir mal ein paar Gedanken.
Was man nicht vergessen sollte: Diese ganze Geschichte wird der NPD eine Möglichkeit zur Profilierung bieten, die sie sich nicht entgehen lassen werden. Entweder mit dem Dauerkandidaten Rennicke oder Udo Voigt, und unsäglichen Anträgen in der Bundesversammlung.
Da nach jetzigem Stand CDUCSUFDPSPDGRÜNE einen gemeinsamen Kandidaten aufstellen wollen und dafür das Vorschlagsrecht bei der Union liegt, sind die Möglichkeiten begrenzt. Sie werden wohl keinen SPD-Parteigänger aufstellen. Gauck ist auch eher unwahrscheinlich: Seine Bereitschaft ist nicht sicher, und seine Nominierung wäre wohl zu viel Schützenhilfe für die SPD, auch wenn der Schleswig-Holsteiner FDP-Chef Kubicki ihn sich grundsätzlich vorstellen könnte. Klar, die Zustimmung in grossen Teilen der Bevölkerung hätte er wohl immer noch, nur wenige haben seine problematischen Äusserungen nach der letzten Wahl wahrgenommen. Aber Merkel müsste mit dem ständigen „Hättet ihr ja gleich auf uns hören können“-Vorwurf von Gabriel & Co. leben. Die SPD kann mal wieder nur verlieren, wenigstens dieses Glück bleibt der Kanzlerin.
Also wird es wohl Norbert Lammert? Dafür spricht Vieles. Er wird von allen Parteien respektiert, wirkt seriös, dürfte relativ sicher das diplomatische Parkett beschreiten und kennt das politische Geschäft. Das Einzige, was gegen ihn sprechen könnte: er ist zu profiliert und könnte etwas unbequem werden – nicht ganz so pflegeleicht wie Wulff.
Alternativen der ganz grossen Koalitionen gibt es da nur Wenige: Für Töpfer spricht sein Abstand zum Politikbetrieb, seine angebliche Unabhängigkeit und seine Erfahrung.
De Maziere, Thomas (Mr. Heldengedenktag)? Wohl eher nicht, der dürfte im Kabinett zu wichtig sein, und für Kabinettsumbildungen (die wievielste wäre das eigentlich?) gibt es auch kein Personal mehr, von geeignetem ganz zu schweigen.
Uschi von der Leyen? Nö, wird sie sich nicht antun, ist nicht vermittelbar bei Grünen, SPD und wohl auch nur bedingt bei den Bürgern, trotz populär-populistischer Äusserungen, bei denen kürzlich der Hundt in der Pfanne verrückt wurde. Wenn es um die Quote gehen sollte (was fraglich ist, klar wäre es nach zehn Männern mal Zeit für eine Frau, aber eine weibliche Doppelspitze?) müsste jemand anderes gefunden werden. Margot Käßmann wäre nur als SPD/Grünen-Kandidatin denkbar. Bei ihr sind aber wohl die Verfehlungen noch zu frisch – das wäre zu viel Munition für Springer. Apropros – Friede Springer ist wohl auch zu alt, oder?
Quereinsteiger? Angesichts der aktuellen Situation wohl niemand aus der Wirtschaft, auch wenn das für CDU und FDP ansonsten naheliegend wäre. Und aus Wissenschaft oder Kultur? Zu unsicher, könnte querschiessen, funktioniert nicht.
Die Piraten müssen sich hier das erste mal auf Bundesebene bewähren. Bitte nicht jemanden a lá Lobo oder so, keinen Netzpolitik- oder Internetversteher und – erklärer (und bitte auch nicht Fefe). Höchstens Constanze Kurz
Sie haben wohl schon gegen Georg Schramm abgestimmt, wenn auch knapp. Wäre interessant geworden, er hätte diese etwas andere Bühne der Wahlvorberichterstattung bestimmt gut genutzt. Kann er ja vielleicht sogar noch.
Denn auch die Linke könnte ihn aufstellen, ihn oder vielleicht Konstantin Wecker. Da sie nicht mitspielen dürfen (womit sie mal wieder auf die gleiche Ebene wie die NPD gestellt werden), haben sie die freie Wahl und brauchen keine Rücksichten nehmen.
Fazit: Lammert wird’s. Oder sucht irgendein altgedienter ZDFler gerade noch einen Job? Schaun wir mal, was für Überraschungen uns in den nächsten 30 Tagen noch so erwarten.
Update 19.02. Lammert darf mag nicht.

