Hach
Die machen einen fertig, die Medien, ehrlich! Da lese ich bei Netzpolitik.org die Überschrift “Fortschritt durch Peer-to-Peer Politik” und das einzige, was mir dazu einfällt, ist “Haben die den Steinbrück jetzt geklont oder was?” – soweit ist es schon gekommen, ohne Scheiss.
Ist doch aber auch kein Wunder: Wochenlang, ach was sag ich, monatelang ging es nur um die “K-Frage”. Mein Eindruck war ja, dass es den meisten Leuten piepegal war, wer von den drei lustigen Zwei im nächsten Jahr gegen Merkel verliert. Im Blätterwald allerdings konnte man den Eindruck bekommen, dass bald Barrikaden errichtet würden und mindestens ein Generalstreik ausgerufen wird, wenn sich die Partei der Arbeiterklasse nicht bald mal auf ihren Kanzlerkandidaten festlegt. Sollte dann aber jemand auf die Idee kommen, wirklich zu einem Generalstreik aufzurufen, womöglich gar europaweit, dann reicht es hierzulande nur zu einem Bericht in der taz und zu einer Mahnwache vor dem griechischen Konsulat.
Kein Wunder, dass da aus dem Hause “Die jüdischen Banker versuchen uns mit Chemtrails unfruchtbar zu machen und ausserdem ist Deutschland eine GmbH” der Vorwurf der Systempresse laut wird. Piraten zum Beispiel könnten wahrscheinlich jede Woche 800-seitige Parteiprogrammentwürfe veröffentlichen – über sie wird nur berichtet, wenn es irgendwelche Personal-Geschichten gibt: fauler realitätsferner Ponader, hübsche machtgierige Weissband, durchgeknallter unbeherrschter Lauer. Marina kann davon – der Kalauer sei mir erlaubt – ein Lied singen, und der Herr Lauer auch. Ähnlich bei den Linken: Die kommen so gut wie gar nicht mehr vor, es sei denn, sie demonstrieren in Athen gegen Merkel, dann kann man schon mal die Vaterlandsverräter- und Populistenkeule rausholen. FDP und CSU teilen sich derweil die Rolle des ewigen Koalitionsfriedensgefährders – erstere als unbedeutende Hotelsteuerpartei, die dringend Profil benötigt, um noch wahrgenommen zu werden, letztere als bayrische Staatspartei mit autokratischem Charakter, die wegen der anstehenden Wahlen dauernd ihre Eigenständigkeit betonen muss. Und über allem thront die Kanzlerin, mit dem Hofstaat zu ihren Füßen, der mal CDU hieß. Was soll man da auch schon Kritisches zu berichten, die sind so sehr mit der Rettung Europas beschäftigt, die können gar nichts Schlimmes machen.
Ja, wenn es da eine Traditionslinie gäbe, sagen wir mal vom Vorkriegs-Adenauer und seinem Vertrauten Pferdemenges, die trotz verlorenem Krieg ordentlich Beute machten und damit die Parteikassen auffüllten, über Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble bis zu Mappus, die alle eher nach Gutsherrenart parteiinterne Finanzpolitik machten als unter demokratischen Gesichtspunkten, ja dann könnte und müsste man natürlich bei jedem Bericht über Spardiktate an Griechenland & Co. die Eignung der Diktierer in Frage stellen. Aber so eine Tradition gibt es ja nicht, und wenn, dann sind das alles bedauerliche Einzelfälle, von denen auch niemand was wusste. Wäre ja auch noch schöner, wenn so verwirrte Einzeltäter wie Karl-Friedrich Grau etwas mit der offiziellen CDU-Parteipolitik zu tun gehabt hätten. Dass der selbst noch 6 Jahre nach seinem Parteiausschluss mit gefälschten Juso-Wahlzetteln Stimmen für die Union beschaffen wollte, da kann ja die Partei nun nix für. Sein Kompagnon Missbach allerdings, der flog zwar auf, aber nicht raus…aber lassen wir die alten Geschichten.
Natürlich gibt es Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Wenn die Presse ihre Rolle als “vierte Gewalt” wahrnimmt, die mal nicht Staatsgewalt ist, ausnahmsweise eben. Die Frankfurter Rundschau tut das häufig, mit den Mely Kiyak-Kolumnen in schöner Regelmässigkeit, oder derzeit bei der Berichterstattung über den “Fall Wevelsiep”. Dass es sich auch hier nicht um vereinzelte Vorfälle handelt, sondern um ein strukturelles Problem, sowohl der deutschen Staatsorgane als auch der Öffentlichkeit, zu der nun mal auch die Presselandschaft gehört, das kann gar nicht oft genug betont werden.
Die FR schafft es sogar, in dem ganzen Obama-Taumel darauf hinzuweisen, dass zwei US-Staaten im gestrigen Abstimmungsmarathon nebenbei auch das Kiffen legalisiert haben, jenseits aller medizinischen Indikation. Spon oder Zeitonline bringen dazu auf den ersten Blick nichts, die Bild dagegen sitzt einer Ente auf und kriminalisiert die Kiffer lieber weiter. Eine breite Debatte über den verloren Kampf gegen die Drogen, der lediglich der CIA und anderen Drogen- und Terrorbanden nützt, in Mexiko zum Beispiel, die findet sich kaum, nichteinmal wenn – wie im Juni letzten Jahres – eine hochkarätige UN-Kommission um Kofi Annan die Legalisierung fordert. Dass der Artikel dann mit “Washington wird zum Holland der USA” überschrieben ist, zeigt aber, dass es auch bei der FR noch einiges dazuzulernen gibt, vor allem was den Legalitätsbegriff in Holland den Niederlanden betrifft.
Nirgends allerdings, ausser natürlich bei Fefe, regt man sich darüber auf, wie diese Wahl und vor allem der Wahlausgang in den USA zustande kam. Klar, es müssen ja erst noch die Trümmer des Berichterstattungsmarathons über Wahlkampf und Wahlnacht, den nicht stattgefundenen New-York-Marathon und den nur in den USA stattgefundenen Wirbelsturm beiseite geräumt werden. Zeitonline erwähnt immerhin, dass Sandy auch einen Zwischenstopp in Haiti machte – Kuba muss mit einer Erwähnung in der deutschen Presse jedoch bis zum Tod Fidel Castros warten, es sei denn, die Linkspartei schickt mal wieder irgendwelche Glückwunschtelegramme, das wären dann zwei Fliegen mit einer Klappe.
Auf Carta wird sich übrigens auch über die deutsche Presselandschaft aufgeregt: Aus einer anderen Argumentations-Ecke, nämlich der wirtschaftlichen, beklagt Thomas Leif die schwindende Vielfalt und stellt ihr 18 Thesen gegenüber. Kann man machen, muss man machen. Wenn der Name Thomas Leif fällt (der wohl - ähnlich wie Christoph Lütgert und SZ-Prantl - nicht zu Unrecht zu den letzten Flaggschiffen des “guten” Journalismus gezählt wird), muss ich seit diesem Artikel bei den Ruhrbaronen immer etwas schmunzeln. Und gänzlich wurde mir dann meine Wut genommen, als ich Lukas Heinsers völlig berechtigten Lobgesang auf Herrn Wiebusch las – den hatte ich bei meiner eigenen Fanboyhymne doch glatt vergessen zu erwähnen. So war der Tag dann doch gerettet, mit nostalgischen Erinnerungen und toller Musik. Hat das System also wieder gewonnen, Mist.
Edit: Typos

